135 Kilo – ist das noch Erfolg oder schon Scheitern?

Meine Oma hat mir als Kleinkind das Laufen mit einer etwas eigenwilligen Methode beigebracht: Weil ich fasziniert war von großen, scharfen Messern, hielt sie mir solche Exemplare in sicherer Entfernung vor die Nase wie dem Esel eine Möhre. Ich streckte mich, lief ein paar Schritte und plumpste nur zu Boden, um mich sofort erneut zu recken.

Auch beim Radfahren donnerte ich mehrfach gegen das Garagentor im Hof und den Blumenkübel im Garten, bis ich sicher ohne Stützräder fuhr. Ungezählte Stunden Training waren nötig, bis ich laufen, schwimmen und Rad fahren konnte. Übung macht bekanntlich den Meister, und Scheitern war für mich als Kind der größte Ansporn, es erneut zu versuchen.

Mit 18 Jahren schlug ich das erste Mal so heftig auf, dass mir das Aufstehen schwerfiel: Meine langjährige Beziehung scheiterte, ich erlitt zwei Kreuzbandrisse und konnte nicht mehr Fußball spielen, ich verlor dadurch Freunde, rasselte durchs Abitur und wurde bei meiner Ausbildung gemobbt. Ich hatte das Gefühl, mit 200 Kilometern pro Stunde vor eine Wand gefahren zu sein.

Im Vergleich zum Hinfallen in der Kindheit ging es nun um Themen, die gefühlt meine Existenz bedrohten. Es war, als müsse ich alles komplett neu erlernen. Während ich als Dreijähriger nur mit mir selbst beschäftigt gewesen war und neugierig einfach immer wieder ausprobiert hatte, drehte es sich in meinem Teenager-Kopf plötzlich auch darum, was andere über mich und mein Scheitern dachten.

Ich rappelte mich mühsam wieder auf. Der Ehrgeiz, den der Fußball früh in mir geweckt hatte, half mir dabei. Später schloss ich eine Ausbildung als Fremdsprachenassistent und ein Studium zum Diplomkaufmann erfolgreich ab.

Aber Erfolg – was ist das eigentlich genau? Manchmal bin ich mir da nicht mehr sicher. Denn nicht immer ist es so klar wie beim Laufenlernen oder nach meinen Niederlagen als 18-Jähriger. Heute weiß ich, dass sich ein und derselbe Zustand an einem Tag wie Erfolg anfühlt und am nächsten wie ein Rückschritt. Bei mir ist es zum Beispiel der Wert auf der Waage.

Im Video: Mission Marathon – Ex-160-Kilo-Mann erfüllt sich seinen großen Traum (September 2016)

Momentan wiege ich 135 Kilogramm. Das ist ganz objektiv zu viel, schon allein dafür könnte ich mich innerlich geißeln. Und das habe ich auch oft getan. Wenn ich daran denke, dass ich für meinen Marathon-Lauf bereits auf 108 Kilo abgespeckt hatte, ist es fast unmöglich, die 135 Kilo als Erfolg zu sehen. Andererseits habe ich auch schon mal 160 Kilo gewogen. Im Vergleich dazu sind es jetzt 25 Kilo weniger – ein Riesenerfolg eigentlich, oder?

Es sind allein die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen ich auf mich schaue und mich bewerte, die über Hop oder Top entscheiden. Mal stimmt mich die Zahl 135 traurig, mal macht sie mich wütend, mal stolz.

Eines meiner Ziele ist daher: Das Gefühl von Erfolg und Scheitern nicht mehr von einer Zahl abhängig zu machen. Viel wichtiger ist doch, wie ich mich mit meinem Gewicht fühle, mit meiner Fitness und in meinem Körper. Ja, ich will mein Wohlfühlgewicht finden, #vomschwergewichtzumgleichgewicht kommen, und das gesund und mit Spaß. Vermutlich werde ich Umwege nehmen – aber ist das gleich Scheitern?

Oft spielt auch Glück eine Rolle, oder eben Pech. Als ich noch Fußball spielte, schoss ich in einer Saison viele Tore und trug so zum Mannschaftserfolg maßgeblich bei. Im entscheidenden Spiel ging ein Eigentor auf mein Konto, sodass wir am Ende nur Vizemeister wurden. Sieg oder Niederlage? Wieder beides, irgendwie.


Ich glaube heute: Erfolg ist das, was ich selbst aus einer Situation mache. Erfolg ist eine subjektive Empfindung, ebenso wie das Scheitern. Es ist ein Gefühl, das prägt, aber auch vorübergeht.

Rückblickend kann ich sagen, dass mein Scheitern mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Es hat viele positive Dinge freigesetzt, die ich unmittelbar nach einer gefühlten Niederlage noch nicht sehen konnte. Ich war so lange eine Coach-Potatoe, fühlte mich schlecht und dick und krank – wie so viele andere Menschen auf der Welt. Gewicht rauf, Gewicht runter, ich bin einer von vielen.

Aber mit dem Moment, in dem ich mich hinausgewagt habe aus meinem Schneckenhaus, wurde der Auftrieb größer. Selbst in Zeiten, in denen es für mich bergab ging, als ich wieder dicker und krank wurde, haben mich meine Follower unterstützt und motiviert.

Mein einfaches Fazit ist daher: Ohne Täler keine Berge, ohne Trauer keine Freude, ohne Unglück kein Glück. Auch Erfolg und Scheitern sind zwei Seiten derselben Medaille. Umso wichtiger finde ich, dass wir jeden Erfolg feiern, egal ob bestandene Prüfung, gefinishter Lauf oder mehr Power beim Training. Ich habe längst nicht alles in der Hand. Wie ich mit Erfolg und Scheitern umgehe, allerdings schon.

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