Massenrückrufe, Insolvenz, fahrlässige Tötung: Das ganze Ausmaß des Wilke-Dramas

Seit die Wurstfirma Wilke alle Produkte zurückgerufen hatte, sind Verbraucherschützer und Kunden alarmiert. Grund waren zwei, durch eine Listerien-Infektion verursachte, Todesfälle. FOCUS Online erklärt, wie groß das Ausmaß des Wurst-Skandals ist und was Verbraucher wissen müssen.

Die nordhessische Wurstfirma Wilke machte aufgrund eines Listerien-Skandals große Schlagzeilen. Am 2. Oktober wurde bekannt, dass der Hersteller die Produktion seiner Wurstwaren einstellen muss – aufgrund von zwei Todesfällen infolge einer Listerien-Infektion.

Die Wurstfirma hatte daraufhin sämtliche Produkte zurückgerufen. Am Freitag den 4. Oktober hatte Wilke Insolvenz angemeldet. Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt nun wegen fahrlässiger Tötung gegen den Geschäftsführer Klaus Rohloff. Politiker fordern zukünftig eine stärkere Lebensmittelüberwachung.

Rückruf von Produkten mit Kennzeichen „DE EV 203 EG“

Das Unternehmen Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren hatte vergangenen Mittwoch mitgeteilt, „alle im Unternehmen hergestellten Erzeugnisse mit sämtlichen Mindesthaltbarkeits- und Verbrauchsdaten“ würden zurückgerufen. Die betroffenen Waren seien durch das ovale Kennzeichen „DE EV 203 EG“ eindeutig zu identifizieren.

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Tote und Erkrankte in mehreren Bundesländern

Zwei ältere Menschen aus Südhessen waren laut Gutachten zu 99,6 Prozent an einer durch Wilke-Produkte verursachten Listerien-Infektion gestorben. Mittlerweile wurden vom Robert-Koch-Institut 37 weitere Erkrankungsfälle gemeldet, die auf den selben Listeroise-Ausbruch zurückzuführen sind.

In Niedersachsen fanden Behörden bei drei Erkrankten einen Keimtyp, der genetisch eng mit den Listerien verwandt ist, die in den Waren der Firma Wilke nachgewiesen wurden.

Zwei von ihnen sind gestorben – einer von ihnen starb an einer anderen Erkrankung, bei der zweiten Person habe nicht ermittelt werden können, ob die Listeriose-Erkrankung die Todesursache war.

In welchem Umfang möglicherweise keimbelastete Wurstwaren der hessischen Firma Wilke nach Niedersachsen geliefert worden sind, ist für die Behörden bisher unklar. Betroffen sei ganz Niedersachsen mit der gesamten Lebensmittelkette von Supermärkten über Kliniken, Kioske und Zwischenhändler, teilte das Landwirtschaftsministerium am Mittwoch in Hannover mit.

Hier lesen Sie alle Neuigkeiten zum Wurst-Skandal 

Fast jeder NRW-Bürger kam in Kontakt

In Nordrhein-Westfalen geht das Landesamt für Umwelt- und Naturschutz (Lanuv) davon aus, dass fast jeder Bürger Zugang zu womöglich keimbelasteten Waren des hessischen Wurstherstellers Wilke hatte.

„Wilke war ein großer Lieferant und stellte auch Vorprodukte für Eigenmarken anderer Unternehmen her“, sagte Lanuv-Sprecher Wilhelm Deitermann der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. Vom Rückruf der Wilke-Wurstwaren seien in Nordrhein-Westfalen hunderte Unternehmen betroffen.

„Flächendeckend dürfte fast jeder Verbraucher in NRW einen Zugang zu den Waren der Firma Wilke gehabt haben“, sagte Deitermann der Zeitung. „Wilke selbst hat seine Kunden, dazu gehören Großhändler, Altenheime, Krankenhäuser und andere Betriebe, über seine Kundenliste angeschrieben und zum Rückruf aller Wurst- und Fleischwaren aufgefordert.

Nun überwachten die Kreisveterinärämter als zuständige Behörden, ob auch wirklich alle Wilke-Waren aus den Regalen verschwänden, erklärte Deitermann. So warnten die Behörden solche Kunden schriftlich, die betroffene Wilke-Produkte erworben hatten.

Wilke Produkte bei Ikea und in Kölner Krankenhaus

Auch bei Möbelgigant Ikea war Wurst-Aufschnitt von Wilke in Kunden- und Mitarbeiterrestaurants ausgegeben worden. Nicht betroffen sei das übrige Fleisch- und Wurstwaren-Sortiment aus dem Restaurant, dem Schwedenshop und dem Bistro. Mittlerweile gebe es einen neuen Lieferanten für Aufschnitt.

Ein Kölner Krankenhaus hatte ebenfalls Wilke-Wurst an seine Patienten verteilt – noch einen Tag nach dem Rückruf.

„Aufgrund der Kurzfristigkeit und des Zeitpunktes der Information ist es im Zusammenhang mit unserer Tochtergesellschaft UniReha zu einem Fehler innerhalb der Speisenversorgung gekommen, so dass einigen Reha-Patienten dennoch Wurstware der Firma Wilke angeboten worden ist“, hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme der Uniklinik Köln.

Die Task Force Lebensmittelsicherheit hat im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz mittlerweile eine Verbraucherhotline zur Rückrufaktion der Firma Wilke eingerichtet. Sie erreichen die Hotline unter folgender Nummer:

0 61 51 / 12 60 82 (Mo.-Do.: 8-16.30 Uhr, Fr.: 8-15 Uhr)

 

Kinder in Hamburger Kita aßen Wilke Wurstwaren

Auch in Hamburg wurden die Wurstwaren ausgeteilt. Die Leitung der Elbkinder-Kita Kohlhöfen (Neustadt) soll den Eltern in einem Schreiben mitgeteilt haben, dass die Kita über einen Zwischenhändler Geflügel-Fleischwurst bezogen habe. Diese hatten die Kinder gegessen.

Bislang sei unklar, ob die Wurst mit den lebensgefährlichen Listerien verseucht war. Eltern sollten ihre Kinder bei Grippesymptomen vorsorglich auch auf eine Listerien-Infektion untersuchen lassen.

Liste des Bundesamts mit über 1000 Produkten

Auf Drängen der Verbraucherorganisation „foodwatch“ hatte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit eine Liste mit über 1000 betroffenen Wilke-Produkten herausgegeben.

Wie das Rückrufportal „produktruekrufe.de“ schreibt, enthält diese „nicht nur Fleisch- und Wurstwaren, sondern auch vegane und vegetarische Erzeugnisse sowie wieder einmal bislang unbekannte Marken“.  

Das Bundesamt veröffentlichte außerdem eine Liste der betroffenen Marken:

  • Haus am Eichfeld
  • Metro Chef
  • Servisa
  • CASA
  • Pickosta
  • Esskultur/ Sander Gourmet
  • Rohloff Fleischmanufaktur
  • Schnittpunkt
  • Korbach
  • ARO
  • Findt
  • Domino
  • Wilke
  • Cock’s Vieeswaren
  • Arasco
  • OMACO
  • Delikrydret
  • Patissa
  • LA MILA
  • May frisch
  • G & P
  • AFMO
  • BÄKO
  • Aleksa
  • La Roya
  • Vom Bauernland
  • La Persa

Das Rückrufportal „produktwarnung.eu“ fügte dieser Liste noch die Marken Lidega, enjoy foods und Fulya hinzu.

Hier kamen Wilke-Wurstwaren in Umlauf

Was jedoch noch immer fehlt, ist eine Liste sämtlicher belieferter Betriebe. Die Produkte waren schließlich auch an Wursttheken, in Kantinen und Gemeinschaftseinrichtungen in den Umlauf gebracht worden.

Bisher ist „produktwarnung.eu“ zufolge nur bekannt, dass die Wilke-Waren bei folgenden Großhändlern im Sortiment waren:

  • Wurstwaren-Großhändler Hans Kremers GmbH
  • Metro Deutschland
  • Grapo GmbH – Gastronomiebedarf
  • SB Union Großmarkt GmbH / Edeka Foodservice
  • Domino Gastro e.G.
  • Igro-Schmidt GmbH & Co.KG
  • Service-Bund

Der Website zufolge habe es außerdem Geschenkkörbe bei Amazon gegeben, die Produkte der Firma Wilke enthalten hatten.

Die Verbraucherorganisation „foodwatch“ fordert daher eine ausführliche Kundenliste. „foodwatch“-Geschäftsführer Martin Rücker erklärte: „Wir wollen wissen, was den Behörden bisher über die Verkaufs- und Abgabestellen der zurückgerufenen Wilke-Produkte bekannt ist. Aus unserer Sicht offen ist zudem, ob Wilke auch an die Lebensmittelindustrie zur Weiterverarbeitung geliefert hat.“

Wenn weitere relevante Informationen nicht öffentlich gemacht werden, will Foodwatch ein Gericht einschalten. Rüters zufolge sei der entsprechende Antrag bereits in der finalen Abstimmung.

Sehen Sie im Video: „Mitarbeiter in den Ruin gestürzt“: Wilke-Abteilungsleiter kritisiert Behörden

FOCUS Online/Wochit Sehen Sie im Video: „Mitarbeiter in den Ruin gestürzt“: Wilke-Abteilungsleiter kritisiert Behörden

Nicht nur Deutschland betroffen

Die Wilke-Produkte wurden nicht nur in Deutschland in den Verkauf gebracht. Insgesamt sind 24 Länder betroffen:

  • Belgien
  • Bulgarien
  • Dänemark
  • Deutschland
  • Frankreich
  • Großbritannien
  • Irland
  • Italien
  • Japan
  • Lettland
  • Libanon
  • Luxemburg
  • Niederlande
  • Österreich
  • Portugal
  • Russland
  • Schweden
  • Schweiz
  • Slowakei
  • Spanien
  • Tschechien
  • Ungarn
  • USA
  • Zypern

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung

Die Staatsanwaltschaft Kassel hat nun ein Ermittlungsverfahren wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung gegen den Geschäftsführer Klaus Rohloff eingeleitet. Vom Inhaber der Skandalfirma fehlt bisher jede Spur, Ermittler hatten am Freitag sein Haus im nordhessischen Twistetal durchsucht.

FOCUS Online hat mit einem langjährigen Mitarbeiter gesprochen. Wie er zu dem Listerien-Skandal und zu Geschäftsführer Klaus Rohloff steht,  lesen Sie hier.

Verbraucherorganisation kritisiert Behörden

Nach Ansicht der Verbraucherorganisation „foodwatch“ erfolgte der Produktrückruf zu spät. Die Behörden sollen bereits Wochen zuvor über einen Listerien-Verdacht Kenntnis gehabt haben.

„Bis zur Stilllegung der Produktion und zum weltweiten Rückruf aller Wilke-Produkte vergingen insgesamt mehr als sieben Wochen seit das Ministerium vom Listerien-Verdacht wusste“, so die Verbraucherorganisation Foodwatch.

Die Behörden des zuständigen Landkreises stellten bereits Ende August „nicht unerhebliche hygienische Mängel (Allgemein, Arbeitshygiene, Bauhygiene)“ fest, wie es auf der Website des hessischen Verbraucherschutzministeriums heißt.

Pollitiker fordern verstärkte Lebensmittelüberwachung

Auch die Politiker fordern Konsequenz aus dem Skandal um keimbelastete Wurst. Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) sprach sich für bundesweit einheitliche Lieferlisten aus.

Die Ministerin regte an, dass sich die Bundesländer gemeinsam mit der Lebensmittelindustrie auf einheitliche Vorgaben für das Erstellen von Lieferlisten einigen, teilte das Ministerium mit. Das erleichtere einen Rückruf in großem Umfang mit vielen Beteiligten – wie jetzt bei der Firma Wilke – verwaltungstechnisch enorm.

Auch Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) möchte die Lebensmittelkontrolle verstärken. Es müsse effizientere Strukturen geben, die ein frühzeitigeres Eingreifen ermöglichen und dem Ministerium mehr Handlungsspielraum lassen, sagte die Ministerin am Mittwoch in Wiesbaden. „Wir brauchen eine besser aufgestellte Lebensmittelüberwachung, damit ein solcher Fall nicht wieder vorkommt.“

Was Listerien sind und wie Sie eine Infektion erkennen

Listerien sind in der Natur häufig vorkommende Bakterien. Sie kommen besonders häufig in rohen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch, Geflügel, Meerestieren und Rohmilchprodukten vor.

In der Regel werden die Keime während der Verarbeitung unter Hitze abgetötet. Allerdings sind sie sehr widerstandsfähig und können sich selbst unter Vakuumverpackungen und ab drei Grad Celsius schnell vermehren – also auch im Kühlschrank.

Nur sehr wenige Menschen, die Listerien aufnehmen, erkranken an einer sogenannten Listeriose. Bei gesunden Erwachsenen verläuft die Infektionskrankheit meist unauffällig. Mögliche Symptome sind:

  • Fieber
  • Gliederschmerzen
  • Durchfall
  • Erbrechen

Besonders gefährlich ist die Infektion für abwehrgeschwächte Personen:

  • Neugeborene
  • Alte Menschen
  • Patienten mit chronischen Erkrankungen,
  • Transplantierte
  • Schwangere

Bei ihnen und bei Ungeborenen kann die Listeriose auch Entzündungen des Dünndarms, der Hirnhaut oder eine Blutvergiftung hervorrufen. Solche schwerwiegenden Ausprägungen einer Listeriose können zum Tod führen.

mit Material der dpa und afp

Sehen Sie im Video: Ekel-Bilder zeigen die dramatischen Hygienezustände im Fleischbetrieb Wilke

FOCUS Online/Wochit Sehen Sie im Video: Ekel-Bilder zeigen die dramatischen Hygienezustände im Fleischbetrieb Wilke  

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