Gesünder Wohnen: Trügerische Gemütlichkeit


„Hyggelig“ soll es zu Hause sein. Aber wer denkt beim Einrichten seiner Wohnung schon an die Schadstoffe im Innenraum?

Vorsicht: Manchmal dünsten neue Möbel und Teppiche Schadstoffe aus

Es scheint, als wären die Menschen nirgends so glücklich wie in Dänemark. Im World Happiness Report der UN belegen die ­Dänen regelmäßig einen der ersten drei Plätze – Deutschland schafft es nie auch nur unter die Top 10 der glücklichsten Länder.

Der Hygge-Hype

Dabei glauben wir, das Geheimrezept der Dänen längst erkannt zu haben: Sie verstehen sich aufs hyggelig sein. Und Hygge ist "ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht". So schreibt es ­wenigstens Meik Wiking, der das ­Kopen­hagener Institut für Glücksforschung leitet, in seinem Buch, das längst ein Bestseller ist – wahrscheinlich auch, weil es sich so gut auf dem Sofatisch macht.

Hygge bedeutet nichts anderes als Gemütlichkeit. Und die kann doch ­eigentlich nicht so schwierig sein: ein bisschen schöner Wohnen und Kerzenschein?

Rückzug ins Heimelige

Hygge wollen wir Deutschen auch. Seit letztem Sommer haben wir sogar eine Zeitschrift, die so heißt und sich zwischen Architectural Digest und Schöner Wohnen einreiht in die scheinbar unendliche Liste von Wohn- und Deko-Zeitschriften, die es am Kiosk zu kaufen gibt. Inspirationen für mehr Gemütlichkeit sind uns wichtig. Ebenso Kerzen: Zwar ­erreichen wir lange nicht den Pro-Kopf-Verbrauch der Dänen von 4,3 Kilogramm im Jahr 2016. Laut europä­ischem Kerzenverband kam man hierzulande immerhin auf 2,4 Kilo pro Person – Tendenz steigend.

Denn der Trend, es sich zu Hause schön zu machen, ist nicht neu. Vor Hygge hieß er Cocooning. So ­beschrieb die US-amerikanische Trendforscherin Faith Popcorn in den 1980er-Jahren das Phänomen, dass man sich verstärkt vor der Außenwelt in die eigenen vier Wände verkriecht – wie in einen Kokon. Viele empfinden das Klima in der Welt seither als noch kälter und bedrohlicher. Der Wunsch, es sich zu Hause gemütlich zu machen, ist noch größer geworden.

Vorsicht vor Schadstoffen!

Natürlich glaubt kein vernünftiger Mensch, dass er mit einem behaglichen Zuhause die Welt da draußen nur ein Stückchen besser machen könnte. Was die meisten aber nicht beachten: Die Welt da drinnen macht man mit neuen Kuschelecken, Kerzen und Krimskrams auch nicht besser, sondern vielleicht sogar schlechter. Denn je nachdem, was man sich ins Haus holt, bekommt man einen Haufen Schadstoffe gleich mit.

Schadstoffmonster in der Wohnung

Sofa

Sofagestelle bestehen oft aus Spanplatten – das sind Holzspäne und Leim, massiv zusammengedrückt. Die Klebstoffe enthalten Formaldehyd, das ausdünsten kann und in hoher Konzentration als krebserzeugend gilt. "Die Richtwerte in Deutschland sind sehr streng. Die Angst, nur wegen eines Sofas an Krebs zu erkranken, ist unbegründet", beruhigt Wiesmüller. "Empfindliche Menschen können allerdings in kleinen Räumen, die mit einer großen Menge Spanplatten ausstattet sind, Reizungen an Augen, Haut und Atemwegen erleiden, wenn sie nicht ausreichend lüften."

Kamin und Kerzen

Kaminöfen produzieren Feinstaub mit extrem kleinen Partikeln, die tief in die Lunge eindringen, Entzündungsreaktionen auslösen und sogar das Erbgut schädigen können, zeigt eine Studie im Fachblatt Chemical Research in Toxicology. Und selbst Kerzen sind nicht ohne: Wenn sie abbrennen, werden verschiedene gesundheitsgefährdende Stoffe freigesetzt. Enthaltene Farben, Lacke und Duftstoffe können bedenklich sein. Am besten, man -achtet auf hochwertige Produkte mit RAL-Gütesiegel oder Bio-Label und setzt lieber einzelne Akzente, statt auf ein Meer aus Flammen und Ruß und Schadstoffen.

Wandfarbe

Wandfarben mit Lösungsmitteln enthalten oft sogenannte aromatische Kohlenwasserstoffverbindungen wie Benzol, Xylol oder Toluol. "Benzol gilt als eindeutig krebsauslösende Substanz und ist darum in Farben auf ein Minimum reduziert", erklärt Wiesmüller. Zwar riechen diese leichtflüchtigen Verbindungen stark, allerdings meist nur in den ersten sechs bis acht Wochen. Naturprodukte können eine Alternative sein, allerdings haben auch sie einen Haken, so der Experte: "Natürliche Lösungsmittel, wie beispielsweise Terpene, werden fälschlicherweise als gesundheitlich weniger kritisch eingeschätzt. Sie dünsten -relativ lange aus, haben ein allergenes Potenzial und riechen ebenfalls." Natürlich ist immer positiv bewertet, -chemisch immer negativ – so einfach ist es leider nicht …

Topfpflanzen

Grünpflanzen machen gemütlich, sie wandeln Kohlendioxid in Sauerstoff um und befeuchten die Luft – also top fürs Raum-klima. Die viel zitierte "Clean Air Study" der NASA kam 1989 sogar zu dem Ergebnis, dass Pflanzen die Konzentration von Formaldehyd, Benzol, Xylol und anderen Schadstoffen in geschlossenen Räumen verringern. "Pflanzen sind aber keine Luftreinigungsmaschinen", stellt Wiesmüller richtig. "So viele Gewächse wie nötig wären, um diesen Effekt zu erzielen, passen gar nicht in eine Wohnung." Er warnt sogar vor zu viel Grünzeug. "Wenn man den Innenraum überfrachtet, hat man eine Feuchtigkeitsquelle und unter Umständen schnell ein tropisches Klima. Zudem ist Blumenerde – oft stärker als Hydrokulturen – anfällig für Schimmelbefall." Beide müssen darum gepflegt werden: Die Erde darf nicht zu feucht werden, und das Wasser in den Kulturen muss man regelmäßig austauschen, damit sich die Schimmelpilze nicht zu stark vermehren.

Echtholz

Vollholz ist natürlich und darum unbedenklich? Das gilt nur, wenn es nicht mit gesundheitsschädlichen Mitteln behandelt wurde. Das Holzschutzmittel Pentachlorphenol (PCP) beispielsweise ist seit 1989 in Deutschland verboten, nachdem festgestellt wurde, dass Menschen in PCP-belasteten Wohnungen unter -typischen Beschwerden wie Atemnot, Kopfschmerzen und verminderter Konzentrationsfähigkeit litten. "PCP darf hier weder produziert, noch eingeführt oder angewendet werden. Dieses Verbot gilt aber nicht in allen Ländern", warnt Experte Wiesmüller. Wenn man Möbelstücke aus dem Ausland bestellt oder von einer Fernreise mitbringt, kann es sein, dass sie mit PCP oder einem anderen bedenklichen Holzschutzmittel belastet sind.

Teppich

Teppiche haben häufig eine Rückseite aus Weich-PVC. -"Diese Weichmacher dünsten kontinuierlich aus", sagt Manuel Fernández. "Der Vorteil von alten Teppichen: Hier sind die Schadstoffe oft schon ausgedünstet." Neben dem gesundheitlichen sieht er das Problem der Nachhaltigkeit: "Das Zeug ist überhaupt nicht Recycling-fähig. Es liegt irgendwann in der Umwelt oder wird verbrannt – mit allen enthaltenen Schadstoffen", sagt der Chemikalienexperte. Er rät darum, beim Neukauf darauf zu achten, dass kein Weich-PVC verarbeitet wurde: "Der Kunststoff PVC wird mit einem Dreieck und der Zahl drei darin gekennzeichnet."

Belüftung

"In neuen massiv gedämmten Häusern ist der Luftaustausch geringer, und die Schadstoffe können sich in der Raumluft stark anreichern", sagt Manuel Fernández vom BUND. "Da ist es besonders wichtig, ordentlich zu lüften." Also nicht ein gekipptes Fenster, sondern ein paarmal am Tag für ungefähr fünf Minuten kräftig Stoßlüften. "Wer an einer verkehrsreichen Straße wohnt, sollte allerdings darauf achten, nicht zu den Hauptverkehrszeiten zu lüften, sonst holt man sich Autoabgase einschließlich Feinstaub von der Straße ins Haus", so Wiesmüller.

Tapete

Entscheidend bei der Tapete ist das Material: Papiertapete besteht aus Holz- bzw. Zellstoff und Altpapier. "Sie kann die Luftfeuchtigkeit im Raum -regulieren und das Raumklima verbessern. Raufasertapete besteht hauptsächlich aus Altpapier und ist ebenfalls umweltfreundlich. Anders Vliestapete: Sie hat zwar den Vorteil, dass sie leichter zu verarbeiten ist, allerdings besteht sie aus speziellen Zellstoff- und Polyesterfasern, die mit polymeren Bindemitteln fixiert sind. Bestenfalls sollte eine Vliesfasertapete nur aus reinem Vlies bestehen, also weder PVC noch ähnlich geschäumte Kunststoffe beinhalten. In der Realität sind aber die meisten Vlies-tapeten mit Weichmachern und anderen Schadstoffen belastet, urteilt Öko-Test.

Flammschutzmittel

Sofas sind – genau wie Matratzen oder Teppiche – häufig mit Flammschutzmitteln behandelt. Das Umweltbundesamt warnt: "Neben der positiven Eigenschaft des Brandschutzes haben eine Reihe von Flammschutzmitteln jedoch problematische Umwelt- und Gesundheitseigenschaften." Sogenannte halogenierte Flammschutzmittel sind demnach besonders gesundheitsgefährlich. "Aus unserer Sicht machen Flammschutzmittel in Sofas gar keinen Sinn", sagt Manuel Fernández vom BUND: "Denn wenn es in der Wohnung brennt, dann brennt auch das Sofa – das können die Flammschutzmittel gar nicht aufhalten. Das heißt, diese giftigen Chemikalien brennen mit, und es entstehen zusätzliche Schadstoffe, die das -Ganze nur noch schlimmer machen." Zwar gebe es in Deutschland zunehmend mehr Hersteller, die auf die giftigen Stoffe verzichten – "in etlichen Ländern ist ein Flammschutzmittel aber gesetzlich vorgeschrieben", so der Experte. Achten Sie auf den Blauen Umweltengel oder das "Öko-Tex" für Textilien.

"Bei Luftverschmutzung denken wir zuerst an Autoabgase oder den Rauch von Fabriken. Aber es gibt auch eine Reihe anderer Schadstoffquellen, die die Luftqualität beeinträchtigen. Viele davon finden sich in Wohnungen und Büros" so Professor Prashant Kumar von der University of Surrey (England). "Von Kochrückständen über Farben, Lacke und Pilzsporen – die Luft, die wir drinnen atmen, ist oft sogar stärker verschmutzt als die Luft draußen."

Müdigkeit, Kopfweh, schlechtere Konzentration

Kann Hygge demnach sogar krank machen? "Wirklich krank, zum ­Beispiel im Sinne eines ernst zu nehmenden Lungenleidens oder Krebses – was viele befürchten –, kann die Einrichtung allein nicht machen. Da spielt viel mehr rein, als dass man einen genauen Ursache-Wirkungs-­Mechanismus finden könnte", erklärt Professor Gerhard Wiesmüller, Leiter der Abteilung Infektions- und Umwelthygiene des Gesundheitsamtes der Stadt Köln. "Aber Befindlichkeitsstörungen wie gereizte Schleimhäute, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten oder erhöhte Müdigkeit können in einigen Fällen schon damit zu tun haben, wie man sich einrichtet."

Wichtig ist bei allem Cocooning, das man seinen Kokon regelmäßig öffnet und viel frische Luft rein und die Schadstoffe raus lässt. Und ­natürlich kann man sich vor neuen Schadstoffen schützen, indem man nicht ständig was Neues anschafft. Dann macht Hygge aber nur halb so viel Spaß. Ein Flohmarkt bietet eine tolle Möglichkeit, Möbel zu kaufen, die schon ­einen Großteil der Schadstoffe ausgedünstet haben. Wenn es doch etwas Neues sein soll: Auf ­Gütesiegel achten.

Empfehlenswerte Gütesiegel

"Der blaue Engel ist besonders gründlich, aber auch das LGA-­tested Prüfzeichen vom TÜV hat Grenzwerte für die bekanntesten Schadstoffe, die deutlich unter dem gesetzlichen Grenzwert liegen", sagt Manuel Fernández, der beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) für die Chemikalienpolitik zuständig ist. Die gesetzlichen Vor­gaben reichen seiner Meinung nach nämlich nicht aus, um emissionsarme und gesundheitsverträgliche ­Möbel zu garantieren. "­Völlige Schadstoff-Freiheit wird man aber auch mit den Gütesiegeln nicht erreichen."

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