Glücklich durch Zuversicht

Wer Gründe zur Verzweiflung sucht, muss nur einen Blick auf die Nachrichtenlage werfen: Notre-Dame ist zerstört, die Wirtschaft ist im Abschwung, es droht eine neue Welle des Populismus, der Brexit wird zur ewigen Hängepartie, und das Pressefoto des Jahres zeigt ein weinendes Mädchen an der US-Grenze.

Wie erträgt man diese Flut schlechter Nachrichten, ohne depressiv oder zynisch zu werden? Wo bleibt das Positive?

Irgendeine Art von Zuversicht brauchen wir. Ohne ein Mindestmaß an positiver Zukunftserwartung würde niemand mehr politische Programme entwerfen, Kinder in die Welt setzen, zu Reisen aufbrechen oder auch nur morgens aufstehen.

Ostern ist auch nicht mehr, was es einmal war

Die Zuversicht ist in der Krise, besonders in Deutschland. Obwohl – oder gerade weil – ihr Lebensstandard hoch ist, sehen deutsche Jugendliche pessimistischer in die Zukunft als ihre Altersgenossen in Mexiko, Nigeria oder Kenia. Selbst Ostern, das Kirchenfest der Zuversicht, ist nicht mehr, was es einmal war: Der Glaube an die Auferstehung fällt heute sogar gläubigen Christen schwer. Und die Kirchen sind so in Not, dass sie selbst eher Zuversicht brauchen statt sie zu spenden.

Offenbar erleben wir derzeit nicht nur eine fossile, sondern auch eine psychologische Energiekrise: Was uns hinsichtlich der Zukunft am meisten fehlt, ist die Antriebsenergie der Zuversicht und damit der grundlegende Treibstoff des Lebens. Damit ist nicht die naive Hoffnung gemeint, dass am Ende alles gut wird. Auch das sogenannte „Positive Denken“ kann an diesem Punkt sogar kontraproduktiv sein.

Was es derzeit braucht, ist kein rosaroter Optimismus, sondern eine illusionslose Haltung, aufgrund derer man sich trotz aller Probleme nicht entmutigen lässt. Das beste Wort dafür ist der altertümliche Begriff „Zuversicht“. Das althochdeutsche „zuoversiht“ beschrieb ursprünglich nur das „Voraussehen auf die Zukunft“, egal ob diese nun gut oder schlecht erschien. Erst im Laufe der Zeit wurde der Begriff aufgeladen mit der Erwartung dessen, was man sich wünscht. Bis heute schwingt in der Zuversicht ein Mollklang mit, der gutgelaunten Optimisten völlig fremd ist.

Was wir von Greta Thunberg lernen können

Das beste Beispiel dafür lebt uns derzeit Greta Thunberg mit ihrem Schulstreik für das Klima vor. Sie verbreitet zwar Zuversicht, ist aber keine Optimistin. Den Zustand des Planeten sieht sie illusionslos und ihr Engagement hängt nicht davon ab, ob es zum Erfolg führt oder nicht. Als sie im August 2018 zum ersten Mal vor dem schwedischen Reichstag für das Klima streikte, habe sie nichts Besonderes erwartet, erzählte sie kürzlich im Gespräch mit Anne Will. Sie habe keine Bewegung gründen wollen. „Ich wollte nur alles tun, was in meiner Kraft liegt, um Aufmerksamkeit auf die Klimakrise zu lenken.“

Ihr Handeln ist also nicht von der Hoffnung auf einen guten Ausgang getragen, sondern von der Überzeugung, dass es richtig ist, sich so zu engagieren. Gefragt, ob sie keine Angst habe, dass ihre Mission scheitern könne, antwortet sie gelassen: „Ich habe keine Mission. Mein Ziel ist einfach nur, alles zu tun, um die Erde zu einem besseren Ort zu machen.“

Diese Art von innerer Stärke hat der tschechische Menschenrechtler Vaclav Havel einmal so auf den Punkt gebracht: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Die Parabel von den drei Fröschen

Gerade in schwierigen Lagen, in denen ein Erfolg nahezu aussichtslos scheint, ist dieses Vertrauen auf die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns der einzige Weg, nicht in Verzweiflung zu versinken. Eingängig illustriert das die berühmte Parabel von den drei Fröschen, die in einen Topf Sahne fallen. „O je, wir sind verloren“, stöhnt der erste Frosch pessimistisch und ertrinkt. Der Optimist hingegen glaubt: „Keine Sorge, irgendjemand wird uns schon retten.“ Er wartet und wartet und ertrinkt ebenso. Der zuversichtliche Frosch sagt sich: „Da bleibt mir nur zu strampeln.“ Er reckt den Kopf über die Oberflache und strampelt – bis die Sahne zu Butter wird und er aus dem Topf springt.

Zuversicht heißt also: Den Ernst der Lage erkennen und zugleich die Spielräume nutzen, die sich auftun.

Auch der 2018 verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking hätte allen Grund zur Verzweiflung gehabt: Mit Anfang Zwanzig wurde bei ihm die unheilbare Nervenkrankheit ALS diagnostiziert, nach und nach verlor er die Kontrolle über seine Muskeln, bis er vollständig gelähmt war. Doch statt in Selbstmitleid zu versinken, fand Hawking – wie der Frosch in der Sahne – jene Spielräume, die seinem Leben Sinn gaben: Er entwarf kosmologische Theorien, heiratete seine Freundin Jane und schrieb „Eine kurze Geschichte der Zeit“, das zum Weltbesteller wurde. „Meiner Meinung nach“, sagte Hawking 2011 zur „New York Times“, „sollten sich behinderte Menschen auf die Dinge konzentrieren, die ihnen möglich sind, statt solchen hinterher zu trauern, die ihnen nicht möglich sind.“ Eine kluge Devise, die auch anderen Menschen viel Leid ersparen würde.

Angesichts von Widerständen stabil

Wer nur den äußeren Erfolg im Blick hat, gibt leicht frustriert auf, wenn die Dinge nicht so laufen wie erhofft. Wer seiner inneren Überzeugung folgt, bleibt auch angesichts von Widerständen stabil. Hätte Greta Thunberg nur an ihre Erfolgsaussichten gedacht, hätte sie ihren Schulstreik vermutlich nie begonnen.

Wie wichtig diese innere Ausrichtung ist, belegen auch Studien. So haben die Wirtschaftswissenschaftler Manju Puri und David Robinson die Daten des amerikanischen Survey of Consumer Finances ausgewertet. Bei dieser Umfrage beantworten US-Bürger regelmäßig Fragen zu Einkommen, Spar- und Konsumgewohnheiten, Gesundheitsverhalten und ihrer Einstellung. Dabei zeigte sich: Positiv eingestellte Menschen arbeiten in der Regel länger, sparen mehr, rauchen weniger, achten mehr auf ihre Gesundheit und trauen sich nach einer Scheidung eher wieder zu heiraten – was alles dazu führt, dass sie eine höhere Wahrscheinlichkeit auf beruflichen Erfolg, Eheglück und langes Leben haben.

Allerdings gilt das nur für Menschen, die Puri und Robinson „moderate Optimisten“ nennen – nämlich jene, die zugleich einen großen Realitätssinn beweisen. Bei den „extremen Optimisten“, die von vornherein von ihrem Erfolg überzeugt sind, kehrt sich der Effekt dagegen um: Sie arbeiten weniger, rauchen mehr, legen ihr Geld nur kurzfristig an oder geben es lieber gleich aus – in dem überoptimistischen Glauben, ihnen könne schon nichts passieren. Mit dem Optimismus, schlussfolgern Puri und Robinson, sei es wie mit Rotwein: „Ein Glas am Tag ist gesund, aber eine Flasche am Tag kann fatal sein.“

Bestätigung für Zuversichtliche oder Schwarzmaler?

Auch medizinische Untersuchungen weisen die Wirkung der Zuversicht nach. Am deutlichsten zeigt sich das bei dem berühmten Placebo-Effekt: Wer eher eine Heilung erwartet, aktiviert unbewusst Selbstheilungskräfte, die tatsächlich bei der Bewältigung von Krankheiten helfen. Solche Studien belegen immer wieder die erstaunliche Kraft der „selbsterfüllenden Prophezeiung“: Wer zuversichtlich an Probleme herangeht, schafft unbewusst die Voraussetzungen dafür, sie auch zu bewältigen – während die pessimistische Einstellung „Das bringt doch ohnehin alles nichts“ zielsicher die Basis für negative Erlebnisse schafft. So dürfen sich kurioserweise am Ende alle in ihrer Weltsicht bestätigt fühlen, die Zuversichtlichen wie die Schwarzmaler.

Preisabfragezeitpunkt:
19.04.2019, 01:50 Uhr
Ohne Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier.

Zugleich werfen diese Erkenntnisse die interessante Frage auf, was eigentlich in Bezug auf die Zukunft ein „realistisches“ Verhalten ist. Denn der Realismus ist ja heutzutage das Maß aller Dinge in der Wissensgesellschaft. Was als „nicht realistisch“ gilt, ist in der Regel gleich vom Tisch, wird als lächerlich oder esoterisch abgestempelt.

Doch mit dem viel gepriesenen Realismus, der sich nur auf bewiesene Tatsachen gründet, ist das so eine Sache: Alles Bewiesene bezieht sich nur auf vergangene Entwicklungen, niemals auf zukünftige. Außerdem kann der Realist nur jene Fakten in sein Kalkül einbeziehen, die ihm bewusst sind und die sich eindeutig benennen lassen. Was ihm entgeht, sind die scheinbar nebensächlichen Details und vagen Stimmungen, die sich überraschenderweise als prägende Kräfte der Zukunft herausstellen können. Deshalb liegen selbst die größten Realisten oft so fürchterlich falsch bei der Beurteilung des Neuen: Den Fall der Berliner Mauer sahen die Experten ebenso wenig voraus wie die Finanzkrise, den Brexit oder den Wahlsieg eines narzisstischen Aufschneiders namens Donald Trump.

Und wer hätte gedacht, dass eine sechzehnjährige Schülerin aus dem Nichts heraus eine globale Protestbewegung initiieren würde, die heute selbst die etablierte Politik in Zugzwang bringt? So gesehen heißt Realismus eigentlich: stets mit dem Unerwarteten rechnen; und sich klar werden, dass die Zukunft niemals feststeht, sondern davon abhängt, was wir von ihr erwarten, worauf wir uns einstellen und wie wir heute handeln.

Quelle: Den ganzen Artikel lesen