Stress-Forscher: Das Stadtleben macht psychisch krank – doch es gibt einen Ausweg

Unter Städtern sind psychische Erkrankungen häufiger als unter Landbewohnern. So leiden Stadtbewohner etwa anderthalbmal öfter an Depressionen als Menschen auf dem Land. Schizophrenie ist in der Stadt sogar doppelt so häufig, erklärt der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli. Er hat über das Thema das Buch „Stress and the City“ geschrieben.

Liegt es nur daran, dass Depressionen und Schizophrenie in der Stadt häufiger diagnostiziert werden, weil es dort entsprechend mehr geschulte Ärzte gibt, die die Erkrankung erkennen? Forscher vermuten auch andere Gründe: Etwa dass viele Stadtbewohner ihre eigenen Nachbarn nicht kennen, anonym und isoliert inmitten von Menschen leben. Ihnen fehlt ein starkes soziales Umfeld, das schlägt auf die Psyche.

Stadtstress kommt unbemerkt daher

Trotzdem wird nicht jeder, der in der Stadt lebt, auch psychisch krank. Ein erhöhtes Risiko besteht aber bei Menschen, die genetisch oder durch einschneidende psychologische Erlebnisse vorbelastet sind. Auch sind manche Menschen gelassener als andere. Und eine Menge Städter empfinden es gerade als wohltuend, dass in der Stadt immer etwas los ist.

Davon würden jedoch nur diejenigen profitieren, die sich dem jederzeit entziehen können, erklärt Mazda Adli. Er ist Chefarzt der Fliedner Klinik in Berlin und Stressforscher an der Charité.

Die Folgen der Belastung sind offenbar nicht gleich. „Stadtstress ist Kriechstress“, fasst es Adli zusammen. „Er kommt unbemerkt daher.“

Die Belastung zeigt durch eine gereizte Stimmung, durch Angespanntheit und Schlafstörungen, erklärt Iris Hauth vom Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee. Wer die Symptome an sich bemerkt, sollte so früh wie möglich gegensteuern. Die erste Maßnahme: Für Ausgleich zu der Anspannung sorgen. Der eine mag Sport, der andere kommt bei Yoga runter. Wohl tut auch ein Ausflug in die Natur.

Ärzte empfehlen soziale Kontakte zum Glücklichsein

„Wichtig ist es, einen festen Termin in der Woche für diese Auszeit festzulegen“, rät Hauth. Hilft diese Eigeninitiative nicht, sollte der Hausarzt oder ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aufgesucht werden. Denn ändert man nichts an den Umständen, ist das Risiko für eine Angststörung oder Depressionen laut Hauth hoch.

Da aber die soziale Isolation einer der entscheidenden Stressfaktoren in der Stadt ist, sollte man das Übel bei der Wurzel packen und unter Leute kommen.

Aber: „Wenn man ins Theater oder ins Café geht, kommt man zwar unter Menschen, doch lernt man nicht unbedingt jemanden kennen“, so Hauth. Besser sollte man überlegen, wo man mit Gleichgesinnten Kontakt knüpfen kann. Adli nennt Chor, Lesekreis, Sportverein oder kirchliche Begegnungsstätten. Am einfachsten, könnte man meinen, wäre der Umzug in ländlichere Gefilde.

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Allerdings ist auch auf dem Land nicht alles pure Romantik. Besser ist es, sich bewusst zu machen, was die eigenen Bedürfnisse sind – und dann die Stadt neu für sich zu entdecken.

Nichtsdestotrotz: Experten bevorzugen Leben in der Stadt

Stressforscher Mazda Adli erklärt, dass auch er seine Kinder auf jeden Fall in der Stadt großziehen werde. Denn wer in der Stadt aufwachse, lerne eher mit kultureller Diversität, Vielfalt und Komplexität umzugehen. Menschen, die in der Stadt leben, sind zudem körperlich oft gesünder. Das könnte an einem besseren Zugang zu Bildung und Gesundheitseinrichtungen liegen.

Stress in der Stadt lässt sich möglicherweise auch ausgleichen. Ein paar Minuten in der Natur wirken bereits Wunder, legen kleine Studien nahe. Und die lassen sich auch in ruhigen Stadtparks erleben. Möglicherweise hilft schon ein begrünter Balkon.

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