Tabuthema Impotenz: Warum immer mehr junge Männer betroffen sind

Probleme mit der Potenz haben schon unter 45-Jährige, jeder vierte ist betroffen. FOCUS Online erklärt die Gründe, wie Männer sich erfolgreich selbst helfen können und welche neuen Therapien es gibt, etwa Stoßwellen und Stent, sowie fast vergessene, aber sehr erfolgreiche wie Schwellkörper-Implantate.

Diese Panne im Bett kennt sicher jeder Mann, wenn er ehrlich ist. Schuld am einmaligen oder seltenen Penisstreik sind vor allem Stress oder zu viel Alkohol. Beim nächsten Mal klappt dann meistens alles wieder so, wie gewollt. Doch immer mehr junge Männer bemerken, dass sie über Monate hinweg immer wieder Probleme haben, eine Erektion zu erreichen oder aufrechtzuerhalten, die für eine zufriedenstellende sexuelle Aktivität ausreicht – so lautet übrigens die korrekte, medizinische Definition der Erektilen Dysfunktion oder Erektionsstörung, umgangssprachlich Impotenz.

„Von Impotenz sprechen wir jedoch ungern, weil der Begriff oft eher als abwertend wahrgenommen wird und ein generelles Unvermögen beschreibt“, erklärt Privatdozent Markus Margreiter, der die Ambulanz für Andrologie und Erektile Dysfunktion an der Wiener Universitätsklinik für Urologie leitete.

Bisher beobachten Mediziner, dass vor allem Männer mit zunehmendem Alter unter Erektiler Dysfunktion (ED) leiden. Eine aktuelle Studie (German Male Sex-Study) mit mehr als 10.000 Männern legte jedoch offen, dass bereits ein Viertel der 45-Jährigen ED-Symptome aufwies, also wesentlich mehr junge Männer als früher.

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Klassische Risikofaktoren für Erektionsstörungen betreffen mehr Männer als früher

Warum immer mehr, auch jüngere Männer betroffen sind, lässt sich anhand dreier Erklärungsmodelle verdeutlichen:

1. Abgesehen vom Rauchen treten die anderen Risikofaktoren wie Übergewicht, Bewegungsmangel, Diabetes häufiger auf. Adipositas und Diabetes betreffen heute bis zu einem Viertel mehr Männer als in den 90er Jahren.

Performance-Gesellschaft schafft Leistungsdruck

2. Eine Digitalisierung der Sexualität – dieser Punkt betrifft vor allem jüngere Männer, die mit dem Computer sozusagen aufgewachsen sind. „Die Realität hält nicht, was uns die Virtualität verspricht“, fasst Markus Margreiter diesen Punkt zusammen. War Papier noch geduldig, so lässt sich beim Internet durchaus von endlosen Weiten sprechen – und genauso unbegrenzt sind die Möglichkeiten der virtuellen Performance von sagenhaften Penisleistungen.

Männer hart und weich – ein Schleudergang für die männliche Psyche

3. Die aktuelle Geschlechterrolle setzt Männern zu. „Die Forderungen von Maskulinität sind widersprüchlich und inkonsequent“ kritisiert der Urologe. Männer sollen einerseits extrem männlich und hart sein – nicht „Weichei“ und „Warmduscher“, andererseits einfühlsam und lieb.

Dieser Widerspruch verunsichert und setzt unter Druck. Eine Untersuchung von Männern mit Erektionsstörungen verdeutlicht das. Demnach nehmen Männer mit ED erheblich mehr sozialen Druck wahr, zeigten ein negativeres sexuelles Selbstwertgefühl und hatten ein negativeres Körperbild als Männer ohne Erektile Dysfunktion.

„Vor allem die Kombination der verschiedenen Faktoren, die parallel laufen, erhöht dann das Risiko für ED massiv“, fasst der Experte zusammen

Was Männer gegen Potenzprobleme selbst tun können

Treten Pannen im Bett auf, lohnt es sich für den Mann auf jeden Fall, nach den Ursachen zu suchen – ist es vielleicht zu viel Stress? Dann sind Entspannungspausen sinnvoll und ein Stressmanagement, oder einfach mal mit der Partnerin in den Urlaub fahren – dann klappt es wieder wie gewünscht. Weitere Möglichkeiten zur Selbsthilfe bei ED:

  • Alkohol weglassen
  • Ernährung ändern
  • Rauchen aufhören
  • Sport treiben – Beckenboden stärken

„Allein mit diesen Maßnahmen, so wissen wir, lässt sich bei 25 Prozent der Männer alles wieder ins Lot bringen“, verspricht Markus Margreiter, wobei es beim Rauchen sogar noch mehr seien.

Wichtig ist, mit diesen Lebensstiländerungen möglichst früh anzufangen.

Und wie sieht es mit Potenzpillen aus dem Netz aus? Von solchen Medikamenten rät der Experte eher ab, weil Fälschungen und nicht geprüfte Präparate darunter sein können. Der Handel mit gefälschten Potenzmitteln übersteige mittlerweile den Drogenhandel bei weitem, warnt er. Bei Grenzkontrollen in Österreich und Deutschland würden mehr gefälschte Potenzmittel entdeckt als Drogen.

ED kann Symptom einer ernsthaften Krankheit sein

Aber am sichersten ist es für den Mann, die Probleme zeitnah vom Arzt abklären zu lassen. Denn ED kann immer auch das erste Anzeichen für eine andere behandlungsbedürftige Krankheit sein, etwa Hormonstörungen, Diabetes, Gefäß- und Nervenschäden. „Und bis zu 20 Prozent aller Männer mit ausgeprägter ED entwickeln innerhalb von wenigen Jahren schwere Herzkreislauf-Probleme, wenn diese Männer keine medizinische Hilfe suchen“, warnt der Urologe.

Besonders sinnvoll: Jeder Mann etwa ab 35 bis 40 Jahren sollte einmal zum Urologen für einen ersten Checkup gehen, bevor es Probleme gibt. Ist dann alles in Ordnung, muss er erst in 5 bis 10 Jahren wiederkommen. Und werden beim ersten Untersuchungstermin spezielle Risikofaktoren oder Unregelmäßigkeiten entdeckt, lässt es sich gezielt steuern, damit später erst gar keine größeren Probleme auftreten.

Neue Therapien gegen erektiler Dysfunktion

„Die PDE5-Hemmer bilden auch weiterhin das Fundament der ED-Therapie, sie sind ein Meilenstein“, lobt Markus Margreiter. Neben Viagra und den entsprechenden Tabletten gibt es jedoch auch neuere Ansätze, die viel versprechend sind und die Markus Margreiter unter anderem in seinem neuen Ratgeber „Mann 2020“ beschreibt.

Das sind beispielsweise:

Stoßwellentherapie: Seit einigen Jahren wird diese Behandlung, die unter anderem auch aus der Orthopädie bekannt ist, am Penis zur Therapie der erektilen Dysfunktion angewendet. „Die Stoßwellentherapie verwendet Energie mit niedriger Intensität aus akustischen Wellen, um in den Schwellkörpern einen Gefäßneubildungsprozess auszulösen“, erklärt er das Prinzip. Es bilden sich neue Blutgefäße und die Mikrozirkulation, die besonders wichtig für eine Erektion ist, wird verbessert. Empfohlen wird die Anwendung einmal pro Woche über sechs bis acht Wochen hinweg.

Stent setzen: Oft ist die Ursache einer ED eine Durchblutungsstörung, manchmal durch eine Verengung der Gefäße, die durch das Becken zum Penis führen. „Bei der minimal-invasiven kathetergestützten Stentbehandlung wird die Verengung der Blutgefäße erweitert und so der Blutfluss wieder optimiert, ganz ähnlich wie die Behandlung eines verengten Blutgefäßes beim Herzinfarkt“, berichtet der Privatdozent. Der Eingriff erfolgt über einen kleinen Hautschnitt in der Leiste, die verwendeten Stents sind nur ein bis zwei Millimeter im Durchmesser. Sie halten das Gefäß offen, der Durchfluss stimmt wieder.

Stammzellentherapie: „Die Idee dahinter ist, dass körpereigene Stammzellen verwendet werden, die sich in jegliche Zellen umwandeln können und damit das Gewebe regenerieren können“, beschreibt Markus Margreiter. Allerdings ist diese Methode zur Behandlung der ED noch in wissenschaftlicher Erprobung. So wird noch untersucht, ob die Stammzellen besser aus Fettgewebe oder aus Blutplättchen entnommen werden.

Schwellkörperimplantat – die zu Unrecht vergessene Hilfe bei erektiler Dysfunktion

Dabei steht für Männer, die mit den nicht-chirurgischen Therapieoptionen unzufrieden sind, noch eine seit Jahrzehnten bewährte Behandlungsmethode zur Verfügung, die Schwellkörperimplantation. Allerdings hätten viele Ärzte diese Therapieoption kaum noch auf dem Plan.

Wie sie funktioniert: Die beiden Schwellkörperimplantate plus Pumpe werden über einen winzigen Schnitt zwischen Penis und Hodensack eingesetzt. Die Pumpe wird dabei im Hoden platziert, die Implantate im Penisschaft. Bei Bedarf lassen sich die künstlichen Schwellkörper durch leichtes Drücken auf den Hoden aufpumpen.

„Alles ist von außen nicht sichtbar – und in zahlreichen Untersuchungen hat sich herausgestellt, dass Männer mit dieser Lösung sehr zufrieden sind“, hebt der Urologe hervor, der selbst zahlreiche ED-Patienten damit behandelt. Die Implantation erfolgt kurzstationär und wird teilweise von den Kassen gezahlt.

Der wichtigste Rat des Experten für Männer ist: Kein falscher Performance-Druck, denn Liebe und Sex sollen Spaß machen. Und wenn wirklich mal etwas nicht so funktioniert, wie Mann es sich vorstellt, dann am besten gleich zum Arzt gehen, es gibt heute für fast jedes Problem in diesem Bereich eine Lösung.

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