Beautydoc über den aktuellen Schönheitswahn: "Body Positivity ist Wunschdenken"

Das People-Magazin kürte im vergangenen Jahr Chrissy Teigen und Paul Rudd zu den schönsten Menschen der Welt. In Ihrer Praxis bekommen Sie die aktuellen Trends mit, sagen Sie, wie muss man 2022 aussehen, um als schön angesehen zu werden?

Felix Graf von Spiegel: Die Trends sind sehr heterogen, es gibt kein einheitliches Ideal. Und man muss unterscheiden zwischen jüngeren und älteren Personen. Was sie alle gemein haben: Sie wollen besser und frischer aussehen.

Frisch wie Kim Kardashian?

Die Leute kommen nicht und sagen, ich will jetzt aussehen wie Kim Kardashian. Das ist doch übertrieben. Was aber schon zu erkennen ist, ist das eine weibliche Figur im Trend und erwünscht ist. Als schön empfunden wird eine schmale Taille, kurvige Formen an den Hüften und ein etwas größerer Po.

Es ist noch gar nicht lange her, da waren Schönheitsoperationen in Deutschland gesellschaftlich eher Nischengeschäft, wurden entweder der luxusverzogenen High-Society zugerechnet oder galten als stil- und niveaulos – Doppel-D und Arschgeweih lassen grüßen. Aber diese Zeiten sind lange vorbei. Wer kommt heute zum Beautydoc?

Schönheitschirurgie ist absolut, zumindest in den Ballungszentren, im Mainstream angekommen. Die Bereitschaft etwas machen zu lassen, ist in allen Gesellschaftsschichten da. Das fängt bei den minimalinvasiven Eingriffen an. Zu uns kommen aber zum Beispiel auch viele Frauen nach der Schwangerschaft zum "Mommy-Makeover". Diese Frauen wollen einfach wieder aussehen, wie sie früher mal aussahen, als sie noch jung und sportlich waren und noch keine Schwangerschaften hatten. Bei solchen Makeovers handelt es sich um Kombinationseingriffe, bei denen in einer Operation mehrere Bereiche gleichzeitig korrigiert werden. Das ist sehr beliebt und es werden tolle Ergebnisse erreicht. 

Tatsächlich gehen immer mehr Menschen für mehr Schönheit zum Arzt. 2020 wurden in Deutschland mehr als 425.000 Eingriffe gezählt, Tendenz steigend. Welche ästhetischen Behandlungen sind derzeit die beliebtesten?

Definitiv minimalinvasive Behandlungen wie Botox. Und auch Filler, um Volumen in den Lippen und Gesichtskonturen aufzubauen und so weiter. Bei den chirurgischen Eingriffen am Körper sind es Brustvergrößerungen- und verkleinerungen sowie Fettabsaugungen. In der ästhetischen Gesichtschirurgie ist die Lidstraffung ganz vorne dabei.

Ist es das New Normal, dass wir uns alle jungspritzen lassen?

Botox ist, glaube ich, heute absolut alltäglich. Man hat das Gefühl, dass es niemanden mehr gibt, der nichts gemacht hat. Auch wenn die Leute nicht darüber reden.

Was meinen Sie, wird’s in Zukunft minimalinvasive Eingriffe wie Botox-Behandlungen im Kosmetiksalon geben wie den Reifenwechsel bei Pitstop – also günstig und schnell?

Zumindest Botoxbehandlungen nicht in Kosmetiksalons, denn Botox ist ein Medikament und Medikamente dürfen nur von Ärzten injiziert werden. Aber der Trend ist definitv da. In den letzten Jahren sind ein paar Ketten hochgekommen, in denen junge Ärzte, frisch von der Universität ohne Facharztausbildung arbeiten. Das muss nicht schlecht sein, die Basics kann man schnell lernen. Aber wenn man einen richtig guten Filler machen will, braucht es Erfahrung und das hat seinen Preis. Gerade die jungen Frauen haben aber oft nicht so viel Geld und lassen es sich dann eben bei solchen Ketten zu Schleuderpreisen machen. Ob das wirklich eine gute Idee ist? Puh. Ich würde eher zu jemandem mit mehr Erfahrung gehen. Es geht schließlich ums Gesicht.

Früher war mehr Plastik-Optik, mehr Riesenbrüste und Schlauchbootlippen, kann das sein?

Heute wollen die Menschen so aussehen wie sie früher aussahen. Eigentlich soll die Zeit umgekehrt werden. Die Patienten wollen nicht verändert aussehen, sondern natürlich schön. In Deutschland ist es nach wie vor so, dass man ästhetische Eingriffe nicht sehen, aber doch besser aussehen soll. Eine Gratwanderung.

Die Riesenbrüste haben also ausgedient?

Die Riesenbrüste sind eher out. Es gibt bestimmt noch Vereinzelte, die das gerne haben wollen, aber der Trend geht auch bei der ästhetischen Brust-Chirurgie in Richtung Natürlichkeit. Heutzutage werden eher kleinere Implantate verwendet. Inzwischen wird das oft mit einer Eigenfetttransplantation kombiniert, womit die Übergänge ausgeglichen werden. Das Ergebnis sieht dann sehr schön natürlich aus. 

Schönheitschirurgie


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Die USA sind mit weitem Abstand das Land der Welt mit den meisten Schönheitsoperationen im Jahr. Dort geht’s nicht selten früh das erste Mal zum Beauty-Doc. Nasen- und Brust-OPs gehören oftmals schon in der Highschool zum Alltag. Ist eine solche Entwicklung auch für Deutschland zu erwarten?

Im Moment sehe ich das zumindest bei uns in der Praxis nicht so. Ich hoffe auch nicht, dass es so weit geht, dass man sich hierzulande schon in der Schulzeit einer Brustvergrößerung mit Implantaten unterzieht. Es sei denn natürlich, man hat eine Brustfehlbildung. So eine Brustvergrößerung mit Implantat zieht ja immer Folgeeingriffe nach sich. Sie hält normalerweise 15 bis 20 Jahre, dann sollte ein Implantatwechsel erfolgen. Die Brust verändert sich über die Jahre, das Implantat nicht. Deshalb kann es auch vorkommen, dass bei einem Implantatwechsel zusätzlich eine Bruststraffung durchgeführt wird.

Gibt es nicht inzwischen Implantate, die ein Leben lang halten?

Die Hersteller geben eine Lebenszeitgarantie auf die Integrität ihrer Implantate. Die chirurgische Erfahrung zeigt aber etwas anderes. Wenn wir nach vielen Jahren Implantate wechseln, sind diese oft defekt. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn die modernen Brustimplantate sind mit einem kohäsiven Gel gefüllt, welches nicht frei im Körper wandern kann. Es bleibt somit vor Ort. Im Fall eines Implantatdefektes ersetzen die meisten Hersteller das Implantat kostenfrei. Die Operation wird aber nicht übernommen. Das ist irreführend und der Arzt sollte seine Patientin darüber aufklären. Es gibt viele Gründe, weshalb ein Implantatwechsel erfolgen muss. Am häufigsten ist die Kapselfibrose, aber auch Formveränderungen der Brüste durch Schwangerschaften, Stillzeit, Gewichtsschwankungen oder einfach normale Alterungsprozesse. Ein seriöser Arzt wird seiner Patientin niemals eine Lebenszeitgarantie auf eine Brustvergrößerung geben, sondern sie darauf hinweisen, dass Folgeeingriffe die absolute Regel sind.

Wer sich auf Instagram herumtreibt, sieht wie Stars und Sternchen ganz selbstverständlich ihre frisch aufgespritzten Lippen und Brazilian Butt Lifts präsentieren. Welchen Einfluss hat Social-Media auf das aktuelle Schönheitsbild?

Die Jüngeren sind sehr an Social Media orientiert und davon beeinflusst. Sie empfinden ein Körperbild als schön und normal, das keinesfalls normal ist, sondern durch Eingriffe erzielt wurde und wollen dann auch so aussehen. Das ist mitunter eine bedenkliche Entwicklung. Ich finde oft nicht, dass junge Frauen, wenn sie so massiv aufgespritzt sind, wirklich jünger oder besser aussehen. 

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Gleichzeitig wird Body Positivity propagiert, der eigene Körper soll so akzeptiert werden, wie er ist. Wie passt das zusammen?

Das passt überhaupt nicht zusammen. Die sind weit weg von Body Positivity. Der Druck sich körperlich zu optimieren ist gerade durch Social Media riesig. Man muss sich nur anschauen, wie die jungen Leute alle ins Fitnessstudio rennen. Fast alle jungen Männer sind trainiert und muskelbepackt. Das gab es vor 15, 20 Jahren so vielleicht noch nicht. Wenn man so in die Gesellschaft schaut, glaube ich, Body Positivity ist Wunschdenken. Und insbesondere nicht bei jungen Menschen, die noch unsicher sind mit sich und ihrem Körper. Aber klar, wenn man gut ausschaut, kann man auch gut über Body Positivity reden. Wir als ästhetische Chirurgen stehen da in der Verantwortung, was wir unseren Patienten anbieten wollen und was nicht.

Was war der bisher verrückteste Wunsch, den eine Patientin oder ein Patient jemals an sie richtete?

Das Verrückteste war eine Patientin, die Elfenohren wollte. Also spitze Ohren. Sie hatte sich schon einmal einem Eingriff an den Ohren unterzogen und der war schiefgegangen. Deswegen habe ich mich dann dazu hinreißen lassen, das zu operieren. Ich habe mit Rippenknorpel ein Gerüst für das Ohr gebaut, das hat gut funktioniert. Wenn sie diesen Eingriff nicht vorher anderswo schon versucht hätte, hätte ich aber definitiv versucht es ihr auszureden.

Wann lehnen Sie eine Operation ab?

Jeder Arzt zieht sein Publikum an. Zu mir kommen eher keine Patienten mit ganz abwegigen Vorstellungen. Die meisten haben nachvollziehbare Wünsche. Wenn es sich um unrealistische Erwartungen handelt, lehne ich ab.

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