COVID-19: Prophylaktische Therapie mit Aspirin wegen Thrombose-Risiko? – Heilpraxis

Erhöhtes Risiko für Thrombosen durch COVID-19

Das Coronavirus SARS-CoV-2 wurde zu Beginn der Pandemie oft als Atemwegsvirus bezeichnet. Doch schon bald zeigte sich, dass der neue Erreger nicht nur die Atemwege befällt. Unter anderem können auch die Blutgefäße in Mitleidenschaft gezogen werden. Es drohen schwere Komplikationen wie Thrombosen und Lungenembolien. Ist es daher für Infizierte sinnvoll, prophylaktisch Aspirin einzunehmen?

Schon bald nach dem Beginn der Corona-Pandemie berichteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über eine erhöhte Rate von Beinvenenthrombosen sowie Lungenembolien bei Patientinnen und Patienten mit COVID-19. Die Einnahme von niedrig dosierter Acetylsalicylsäure (ASS, Aspirin) könnte laut Fachleuten zur Vorbeugung von Thrombosen beitragen. Doch von so einer Prophylaxe für Infizierte wird nun abgeraten.

Keine prophylaktische Therapie mit Aspirin

Wie die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V. (DGG) in einer beim idw – Informationsdienst Wissenschaft veröffentlichten Mitteilung schreibt, zieht eine COVID-19-Erkrankung neben den Atemwegen auch das Blutgefäßsystem stark in Mitleidenschaft.

COVID-19-Patientinnen und -Patienten zeigen eine verstärkte Blutgerinnung und häufiger auch Entzündungen der Blutgefäße. So kann es zu schwerwiegenden Komplikationen mit potenziell tödlichem Ausgang wie Thrombosen, Lungenembolien, Schlaganfällen oder auch zu Durchblutungsstörungen in den Armen oder Beinen kommen.

Von einer prophylaktischen Therapie mit Aspirin, wie sie nach einer US-amerikanischen Studie diskutiert wurde, raten Fachleute der DGG allerdings ab.

Risiken aufgrund der erhöhten Blutungsgefahr

Die wichtigsten Risikofaktoren für einen schweren oder gar tödlichen Verlauf einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 wurden bereits sehr früh im Verlauf der Pandemie identifiziert: Ein fortgeschrittenes Alter, männliches Geschlecht, Tabakkonsum, Bluthochdruck, Diabetes sowie starkes Übergewicht.

„Dieselben Risikofaktoren gelten auch für Gefäßerkrankungen“, erklärt Professor Dr. med. Markus Steinbauer, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg und Präsident der DGG 2021.

Da stationär aufgenommene oder gar intensivmedizinisch betreute COVID-19-Erkrankte in ihrer Bewegung eingeschränkt sind und damit einen weiteren Risikofaktor für thromboembolische Ereignisse aufweisen, profitieren sie besonders von Maßnahmen der Thromboseprophylaxe oder antithrombotischen Therapie.

Eine im Oktober in der Fachzeitschrift „Anaesthesia & Analgesia“ publizierte Studie, nach der niedrigdosiertes Aspirin den COVID-19-Verlauf bei Herz-Kreislauf-Patientinnen und -Patienten positiv beeinflussen könne, sei jedoch vorsichtig zu interpretieren.

„Bei Patienten mit Gefäßerkrankungen erscheint ein Schutz durch die gerinnungshemmende Wirkung von Aspirin plausibel“, sagt Steinbauer. Gefäßgesunde COVID-19-Erkrankte vorbeugend mit Aspirin zu behandeln, lasse sich mit der Studie allerdings nicht rechtfertigen und berge aufgrund der erhöhten Blutungsgefahr sogar Risiken. Hierzu müssten noch weitere randomisierte, kontrollierte und prospektiv angelegte Studien aufgelegt werden.

Ungesündere Lebensweise während des Lockdowns

Die DGG sieht in der gegenwärtigen Situation außerdem die Gefahr, dass über der – notwendigen – Diskussion um Corona-Schutzmaßnahmen und -therapiemöglichkeiten andere Gesundheitsprobleme aus dem Blick geraten.

„Die Einschränkung der Mobilität und des sozialen Lebens schützt zwar vor Infektionen, der Bewegungsmangel kann jedoch zugleich das Thromboserisiko steigern“, so Professor Dr. med. Dittmar Böckler, DGG-Präsident 2020 und Ärztlicher Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Daher müsse – sofern die infektiologische Lage es zulasse – auch über eine Verkürzung der bislang 14-tägigen Quarantäne für Infizierte und Kontaktpersonen nachgedacht werden.

Durch die Lockdown- und Quarantänebedingungen werden auch andere Lebensstilfaktoren, die für das Herz-Kreislauf-Risiko entscheidend sind, beeinflusst. „Je nach beruflicher und sozialer Situation haben manche Menschen während des ersten Lockdowns zu ungesünderem und üppigerem Essen gegriffen, mehr Alkohol getrunken und ihren Tabakkonsum gesteigert“, erläutert Böckler.

Gesunder Lebensstil

Daher müsse auch und gerade in Pandemiezeiten weiter über die Bedeutung eines gesunden Lebensstils berichtet und aufgeklärt werden – umso mehr, als es sich dabei um effektive und kostengünstige Präventionsmaßnahmen handele, die das aktuell stark strapazierte Gesundheitssystem entlasten könnten.

Hierbei könnten zum Beispiel auch telemedizinische Methoden, Schrittzähler oder Gesundheitsapps zum Einsatz kommen, mit denen sich Bewegungs- und Übungsprogramme anleiten oder kontrollieren ließen.

Neben den direkten Gesundheitseffekten wirke sich die Herz-Kreislauf-Prävention nicht zuletzt auch positiv auf den Verlauf der Corona-Pandemie aus: Je besser die kardiovaskuläre Gesundheit der Bevölkerung sei, desto geringer sei auch die Zahl der COVID-19-Risikopatientinnen und -patienten. (ad)

Autoren- und Quelleninformationen

Quelle: Den ganzen Artikel lesen