Drosten will Japaner als Vorbild gegen Corona – so sieht deren Strategie aus

Japan hat das Coronavirus nach eigenen Aussagen unter Kontrolle gebracht – ohne harten Lockdown und Verbote. Dabei war das Land zuvor genau dafür kritisiert worden. Laut Charité-Professor Christian Drosten könnte ihr Sonderweg jetzt zum Vorbild für Deutschland werden.

Japan hat den Corona-Notstand für das gesamte Inselreich vorzeitig aufgehoben. Regierungschef Shinzo Abe erteilte am Montag die Freigabe auch für den Großraum Tokio sowie die nördlichste Provinz Hokkaido. Für die übrigen Landesteile hatte der Rechtskonservative den Notstand bereits zuvor aufgehoben. Ursprünglich sollte er bis zum 31. Mai andauern.

Das asiatische Land war in der Corona-Pandemie allerdings ohnehin deutlich weniger restriktiv vorgegangen als viele andere Nationen. So ermöglichte die Regierung den Gouverneuren der Regionen lediglich, den insgesamt mehr als 126 Millionen Bürgern Japans zu empfehlen, zu Hause zu bleiben. Außerdem konnten sie die Schließung von Betrieben und Schulen anregen. Auf harte Ausgangsbeschränkungen und strikte Verbote wie in Deutschland oder Italien hatte Japan jedoch die gesamte Zeit über verzichtet.

Auf welche Strategie Japan setzt – offenbar mit Erfolg

Wie genau das möglich war, darüber habe das Land nicht offensiv kommuniziert, wie Christian Drosten, Professor für Virologie und Direktor des entsprechenden Instituts an der Berliner Charité, am Donnerstag im NDR Info-Podcast „Das Coronavirus-Update“ sagte. Deshalb habe man lange nicht genau verstanden, welche Strategie die Japaner zur Eindämmung der Pandemie fahren. „Aber alle haben sich darüber schon gewundert“ – die Zahl der Krankheitsfälle sank in den vergangenen Wochen stetig.

Inzwischen will der Virologe verstanden haben, worauf der offensichtliche Erfolg des japanischen Sonderwegs fußt: auf dem frühzeitigen Erkennen von Infektionsclustern, also der zeitlichen und räumlichen Häufung von Infektionen, und dem sofortigen Isolieren sämtlicher Mitglieder dieses Infektionsclusters.

Das bedeutet: Sobald jemand als infiziert identifiziert wird und zum Beispiel kurz zuvor im Fitnessstudio war, wird jeder, der zu einer ähnlichen Zeit in diesem Fitnessstudio trainierte, ebenfalls als infiziert betrachtet und sofort zuhause isoliert. Auf weitere Diagnostik mittels eines PCR-Tests im Labor verzichten die Behörden vorerst, um Infektionsketten unmittelbar zu unterbinden. „Das ist der Kern der japanischen Strategie und wir sehen den Erfolg“, sagt Drosten.

Drosten lobt Sonderweg: „Müssen wir uns unbedingt als Beispiel nehmen“

Labortests könnten nach der Isolierung selbstverständlich nachgeholt werden, ergänzt er. Aber das schnelle Eingreifen der Behörden in Form der pauschalen Isolierung sämtlicher Kontaktpersonen von Infizierten – ohne das Abwarten langwieriger Testdiagnostik – habe offenbar dazu geführt, dass die Zahl der Krankheitsfälle langsam zurückgeht. Nicht so drastisch wie in Ländern mit einem vollen Lockdown, wie der Virologe ausführt. Aber die Zahlen seien über die Wochen hinweg „stetig und stetig immer ein kleines bisschen weiter“ abgesunken – bis auf das heutige Niveau von nur noch 1820 akuten durch Tests bestätigte Corona-Fälle.

Lesen sie auch:

  • Nach dem Streit mit der "Bild" legt sich Drosten nun auch mit Kekulé an
  • Alle wichtigen Neuigkeiten zur Coronavirus-Pandemie finden Sie im News-Ticker 

Die von Japan gewählte Sonderstrategie hätte durchaus auch schiefgehen können, sagt Drosten. Die Datenlage, die das sofortige Isolieren sämtlicher Clustermitglieder gerechtfertigt hätte, habe es lange nicht wirklich gegeben. „Aber das ist gutgegangen.“

Maßnahmen müssten jetzt verfeinert werden

Inzwischen habe sich die Datenlage verändert. Sogenannten Superspreading-Events, also zum Beispiel das Training in einem Fitnessstudio oder der Besuch eines Fußballspiels, käme in der Pandemie-Entwicklung deshalb eine zunehmend große Bedeutung zu, erläutert Drosten. Das frühe Erkennen von Clustern und das sofortige Isolieren von Clustermitgliedern zuhause „müssen wir uns unbedingt als Beispiel für die nächste Zukunft jetzt nehmen“, findet der Virologe – vor allem in Anbetracht des nahenden Sommers.

„Wir haben jetzt eine Entspannungsphase, wo wir unsere Maßnahmen adjustieren können, wo wir bestimmte Dinge uns leisten können und einüben können, wie zum Beispiel das Öffnen von Schulen und Kindergärten“ – mit der Absicherung durch die anstehenden Sommerferien, durch die zwangsweise eine weitere Entspannung einhergehe, falls etwas schieflaufen sollte beim Ausprobieren neuer Maßnahmen, erklärt der Charité-Professor.

Was das konkret bedeutet? „Ist ein Lehrer infiziert, schaut man sich an, in welchen Klassen hat der in den letzten paar Tagen unterrichtet“, beschreibt Drosten das Vorgehen. „Diese Schüler müssen alle zuhause bleiben.“ Vermutlich für eine Woche, wie der Virologe auf Basis des aktuellen Forschungsstands zur Infektiösität von Infizierten prognostiziert. Statt die gesamte Schule zu sperren, könnten so bestenfalls nur diejenigen isoliert werden, die Kontakt zu einem Infizierten hatten – und Infektionsketten unterbrochen werden, ehe sie unkontrollierbar, weil nicht mehr nachvollziehbar werden. 

Alle wichtigen Meldungen zum Coronavirus im FOCUS-Online-Newsletter. Jetzt abonnieren.

 
 

Japan kam bisher glimpflich durch die Pandemie

Japan hat es mit dieser Strategie ohne Lockdwon in gerade einmal eineinhalb Monaten geschafft, die Lage so gut wie unter Kontrolle zu bringen, wie Regierungschef Abe bei einer Pressekonferenz diese Woche sagte. „Wir hatten sehr klare Kriterien für eine Aufhebung des Ausnahmezustands.“ Aber man sei zu dem Schluss gekommen, „dass wir diese Kriterien erfüllt haben“.

Dass es so kommen würde, daran hatten zuvor viele gezweifelt. Denn war Japan in den vergangenen Wochen für sein moderates Vorgehen teils heftig kritisiert worden. Zudem warfen einige der Regierung vor, viel weniger auf Infektionen mit dem Virus zu testen als andere Länder und möglicherweise Infektionen zu übersehen. Die Infektionszahlen im Land sprechen allerdings gegen diese These.

Trotz der enormen Bevölkerungsdichte und rund 40 Millionen Einwohnern mehr als Deutschland zählt Japan nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität bislang 16.651 bestätigte Infektionen mit dem Virus und 858 Todesfälle durch Covid-19. Fast 14.000 dieser Infizierten sind bereits wieder genesen. Zum Vergleich: Für Deutschland gibt die Universität 181.918 Infizierte und 8463 Corona-Tote an. 163.222 gelten als geheilt.

Die Zahl der Neuansteckungen sank in Japan zuletzt landesweit auf nur noch einige Dutzend pro Tag. Auf dem Höhepunkt der Infektionswelle waren es rund 700 gewesen. Damit ist Japan im Vergleich zu Europa, den USA und anderen stark betroffenen Ländern glimpflich davongekommen.

„Wir müssen neuen Lebensstil entwickeln und unsere Denkweise ändern“

Neben der von Drosten beschriebenen Cluster-Identifikations-Strategie haben Japan schon vor der Pandemie übliche hohe Hygiene-Standards in die Karten gespielt – und bei der Eindämmung des Infektionsgeschehens geholfen. Zusätzlich dazu beigetragen haben nach Meinung von Experten kulturelle Besonderheiten: In Japan ist es etwa üblich, sich zu verbeugen anstatt einander die Hände zu schütteln, einen Mund-Nasen-Schutz in der Öffentlichkeit zu tragen und die Schuhe auszuziehen, bevor man ins Haus geht.

Regierungschef Abe rief seine Landsleute dennoch auf, auch in der „neuen Normalität“ weiter vorsichtig zu sein und geschlossene und volle Räume sowie engen Kontakt zu anderen zu meiden. „Wir müssen einen neuen Lebensstil entwickeln und unsere Denkweise ändern“, erklärte er. „Wenn wir unsere Schutzmaßnahmen lockern, wird sich die Infektion schnell wieder ausbreiten.“

Auch die WHO warnt vor einer zu schnellen, zu umfassenden Rückkehr zur Normalität. Die Welt befinde sich immer noch mitten in der ersten Welle des Coronavirus-Ausbruchs. „Wir können nicht davon ausgehen, dass die Ansteckungen niedrig bleiben, nur weil sie derzeit in einem Abwärtstrend sind“, sagte WHO-Nothilfedirektor Mike Ryan. Die Infektionsrate könne jederzeit wieder stark ansteigen.

Salzwasser-Trick zeigt: In Erdbeeren verstecken sich mehr Tierchen als gedacht

PCP Salzwasser-Trick zeigt: In Erdbeeren verstecken sich mehr Tierchen als gedacht

Brötchen backen ohne Hefe: Blitz-Rezept mit nur 3 Zutaten – so geht's

Esslust Brötchen backen ohne Hefe: Blitz-Rezept mit nur 3 Zutaten – so geht’s

Quelle: Den ganzen Artikel lesen