Empfehlung nur im Flüsterton: Ärztin impft heimlich Kleinkinder und geht großes Risiko ein

Eine Praxis in Brandenburg impft auch Kinder unter fünf Jahren – trotz fehlender Empfehlung der Stiko. Die Ärztin möchte besonders Kinder mit Vorerkrankungen vor dem Virus schützen. Aus Angst vor Anfeindungen spricht sie anonym mit FOCUS Online über die Gefahr von Post-Covid-Symptomen bei Kindern.

Wer sein Kleinkind im Alter von unter fünf Jahren gegen das Coronavirus impfen lassen möchte, muss eine wahre Odyssee auf sich nehmen. Aus Angst vor Anfeindungen und Drohungen kommunizieren Ärzte nicht öffentlich, dass sie Kleinkinder impfen. Eltern erfahren nur über Empfehlungen in Social Media-Gruppen oder von Bekannten im Flüsterton, wo eine sogenannte Off-Label-Impfung möglich ist. Die genaue Adresse erfährt man oft erst kurz vor dem Impftermin.

Eine Praxis, die auch Kinder unter fünf Jahren gegen Covid-19 impft, befindet sich in Brandenburg. Die Ärztin Annette Buchmann (Name von der Redaktion geändert) impfte bereits im Sommer 2021 die ersten Kinder auf Wunsch der Eltern. Das waren insbesondere Risikokinder nach schweren Operationen, mit schweren chronischen Erkrankungen oder nach einer Chemotherapie sowie deren Geschwisterkinder.

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„Jetzt werden bei uns alle Kinder ab einem Alter von sechs Monaten geimpft, deren Eltern das explizit wünschen und wenn alle ausgefüllten Formulare vorliegen“, so Buchmann. Zu diesen Formularen gehören neben dem üblichen Aufklärungs- und Anamnesebogen auch die Einverständniserklärung der Eltern und ein Off-Label-Use-Bogen mit Haftungsausschluss für die Impfung. Hier liegt ein Knackpunkt an der Corona-Impfung für Kleinkinder: Solange keine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) vorliegt, impfen Eltern und Ärzte die Kinder auf eigene Gefahr; die Haftungsfrage ist noch nicht final geklärt.

Kinderimpfung: Stiko-Empfehlung gilt nicht für Kleinkinder

Eine Impf-Empfehlung der Stiko für Kinder unter fünf Jahren ist noch nicht in Aussicht. Die Pressestelle des Robert Koch-Instituts (RKI) erklärt auf Nachfrage von FOCUS Online: „Die Stiko kann sich generell erst zu einer Impfung äußern, wenn zugelassene Impfstoffe vorliegen oder unmittelbar bevorstehen.“

Aktuell empfiehlt die Stiko nur eine Impfung von Kindern ab fünf Jahren. Seit Mitte Dezember erhalten Fünf- bis Elfjährige einen extra für sie hergestellten Impfstoff von Biontec/Pfizer. Die Dosis zur Grundimmunisierung liegt für Kinder bei etwa einem Drittel der Dosis für Erwachsene. Diesen Impfstoff mit geringerer Dosierung nutzt auch Annette Buchmann für die Kleinkind-Impfung. Je nach Alter der Kleinkinder erhalten sie eine Dosis von 3 bis 10µg Impfstoff; die zweite Spritze folgt nach drei bis fünf Wochen. Zum Vergleich: Bei Erwachsenen liegt die Biontec-Dosis bei 30µg.

Haftung bei Impfschäden: „Der Staat wäre außen vor“

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) rät seinen Mitgliedern davon ab, abseits der Stiko-Empfehlung zu impfen. Detlef Reichel ist Landesverbandsvorsitzender Brandenburg beim BVKJ und Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. Er erklärt gegenüber FOCUS Online, dass sich Eltern und Ärzte nach ausführlicher Beratung zwar für die Impfung eines Kleinkindes entscheiden können – eine sogenannte individuelle Heilvereinbarung –, doch das Haftungsrisiko läge dann bei den Eltern und beim impfenden Arzt. „Der Staat wäre außen vor“, so Reichel.

Der Kinder- und Jugendarzt empfiehlt Familien und Ärzten daher einen anderen Weg, um Kleinkinder vor einer Corona-Infektion zu schützen: „Im gegebenen Fall müsste man zunächst auf eine Kokon-Strategie setzen und möglichst das gesamte Umfeld eines Risikokindes in der Altersgruppe unter fünf impfen.“

Post-Covid-Symptome würden noch nicht ausreichend bedacht

Während es in der Debatte um die Kinderimpfung oft um mögliche Impfschäden geht, würden die Post-Covid-Symptome wie Long-Covid oder das Entzündungssyndrom PIMS bei Kindern zu wenig beleuchtet. „Ich wünsche mir eine öffentlichkeitswirksame Darstellung der Spätfolgen mit schweren Einschränkungen nach der Infektion“, so Buchmann.

Von befürchteten Impfnebenwirkungen bei Kleinkindern hat Annette Buchmann von ihren Patienten bisher nichts gehört. „Von allen von uns in der Zwischenzeit geimpften Kindern haben lediglich drei Eltern berichtet, dass die Kinder am Tag danach etwas länger geschlafen haben als sonst“, erklärt Buchmann. „Ansonsten wurde Muskelkater am Impfarm in mehreren Fällen berichtet. Die meisten Kinder spüren gar keine Impfreaktionen.“

„Impfskeptische Kinderärzte verunsichern weiterhin Eltern“

Die Ärztin aus Brandenburg fordert nun eine Impf-Empfehlung der Stiko für Kinder ab einem Alter von sechs Monaten – und mehr Aufmerksamkeit für schwere Corona-Verläufe bei Kindern. „Auch Kinder mit Vorerkrankungen können und sollten geschützt werden, wenn es in unserer Macht liegt“, so Buchmann. „In der öffentlichen Meinung hört man oft heraus, dass vorerkrankte Kinder schließlich auch an anderen Infektionen versterben können, was faktisch zwar korrekt ist, aber wenn es in unserer Macht steht sie davor zu schützen, dann tun wir das schließlich auch – zum Beispiel bei RSV-Viren oder bakteriellen Infektionen.“

Zudem fordert die Ärztin mehr Unterstützung durch andere Ärzte, die Kinder vorrangig impfen sollten. Sie ist besorgt, dass „impfskeptische Kinderärzte weiterhin Eltern verunsichern – in meinen Augen bei dieser Impfung völlig zu Unrecht.“ Annette Buchmann wird Eltern in ihrer Brandenburger Praxis weiter auch ohne Stiko-Empfehlung den Wunsch erfüllen, ihre Kleinkinder gegen Corona zu impfen. Die Termine werden zwar weiterhin über Mund-zu-Mund-Propaganda und Social Media-Gruppen vergeben – aber mit der Hoffnung, bald auch mit Empfehlung der Stiko impfen zu dürfen.

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