Epidemiologe erklärt, warum Corona-Gefahr noch nicht gebannt ist

Ab Oktober soll es laut einem Entwurf für das Infektionsschutzgesetz wieder strengere Corona-Regeln geben. Schon im Vorfeld hatte eine Expertengruppe ein Ende staatlicher Maßnahmen gefordert. Der Epidemiologe Timo Ulrichs erklärt, warum wir immer noch Maßnahmen brauchen.

Aktuell sind in Deutschland laut offiziellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts 1,6 Millionen Menschen mit Corona infiziert. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Ob der hohen Infektionszahlen stiegen auch wieder die Hospitalisierungsraten in den vergangenen Wochen an. Im Schnitt sterben wieder bis zu 200 Menschen pro Tag.

Keine guten Voraussetzungen für den Herbst also, der laut Karl Lauterbach „katastrophal“ sein könnte, wenn die Infektionszahlen noch weiter steigen und bedrohlichere Varianten auftauchen. Aus diesem Grund soll es laut einem Entwurf für das neue Infektionsschutzgesetz ab Oktober wieder strengere Maßnahmen geben. So können Bundesländer beispielsweise wieder Maskenpflichten verhängen – auch eine Testpflicht in Schulen soll es wieder geben.

Expertengruppe hält Maßnahmen für den Herbst für unnötig

Bereits vergangene Woche hatte eine Gruppe von Experten rund um den Mediziner Thomas Voshaar und Matthias Schrappe sowie den Medizinstatistiker Gerd Antes in einem neuen Positionspapier ein Ende staatlicher Maßnahmen gefordert. „Aus epidemiologischer und medizinischer Perspektive ist das Virus nach derzeitigem Sachstand keine Gefahr mehr für das Gesundheitssystem und die Bevölkerung“, heißt es darin. Denn Covid als schwere und auch lebensbedrohliche Erkrankung werde in den Krankenhäusern praktisch gar nicht mehr gesehen.

Deshalb sind Voshaar und seine Kollegen auch davon überzeugt, dass es nach jetziger Sachlage im kommenden Herbst keiner weiteren Maßnahmen bedarf. Schulschließungen, ständiges Testen oder gar eine Maskenpflicht seien nicht mehr nötig – auch keine Quarantäne. Nur Risikogruppen müssten weiterhin geschützt werden.

Ulrichs: „Wir müssen immer noch gegen die Pandemie kämpfen“

Epidemiologe Timo Ulrichs aus Berlin steht diesen Forderungen kritisch gegenüber. „Wir müssen immer noch gegen die Pandemie kämpfen“, sagt er auf Nachfrage von FOCUS online. Denn wir hätten die endemische Phase weder in Deutschland noch weltweit erreicht. „Hier gilt Angela Merkels Satz ‚Erst, wenn alle sicher sind, sind wir es auch'“, betont Ulrichs. Das gelte vor allem auch für die gerechte Verteilung von Impfstoffen weltweit.

Auch der Behauptung der Expertengruppe, das Virus stelle keine Gefahr mehr dar, widerspricht Urlichs: „Auch wenn wir uns an die Situation gewöhnt haben, ich finde, dass ca. 150 bis 200 Tote jeden Tag zu viel sind, um zu behaupten, es bestehe keine Gefahr mehr für die Bevölkerung“, entgegnet er. „Auch das Gesundheitswesen ist noch nicht auf der sicheren Seite: Es kann sehr wohl sein, dass wir wieder an die Kapazitätsgrenzen der Intensiv- und Normalstationen kommen, wenn sich die Pandemiewelle im Herbst auf die Sommerwelle aufsetzt – auch wenn es anteilig weniger schwere Verläufe gibt“, gibt der Epidemiologe zu Bedenken.

Eine Aufhebung der Isolation öffnet dem Virus alle Türen

Eine Aufhebung der Isolationspflicht für Positive wie sie Voshaar und Kollegen fordern und wie sie einige Nachbarländer bereits praktizieren, hält Ulrichs daher für gefährlich. Auch die Begründung vieler Befürworter, man könne so die Personalnot dadurch beheben, hält Ulrichs für falsch.

„Isolation und Quarantäne aufzugeben mit der Begründung, es würde zu viele Menschen vom Arbeitsplatz fernhalten, ist kein stichhaltiges Argument“, führt der Epidemiologe aus. „Durch das Öffnen sämtlicher Türen für die Virusverbreitung (insbesondere bei Aufgabe der Isolationspflicht) würden viel mehr Menschen durch Erkrankung ausfallen als durch Absonderung“, erklärt Ulrichs.

Ulrichs: Impfung senkt auch bei Kindern Long-Covid-Risiko

In puncto Impfung fordert die Expertengruppe um Voshaar und Schrappe Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus der Impfempfehlung auszuklammern. Nehme man einen schweren Verlauf und Todesfälle zu verhindern, als Kriterium, ließe sich eine Wirksamkeit für diese Gruppe nicht nachweisen, so die Argumentation. Denn junge, gesunde Menschen haben ohnehin kein hohes Risiko für einen schweren Verlauf mit Todesfolge.

Zwar stimmt Ulrichs diesem Argument zu, weil die Zahlen das belegten, aber als Epidemiologe sieht er dies differenzierter. „Es bleibt festzuhalten, dass eine flächendeckende Impfung eher zum Ziel der Schaffung einer Grundimmunität führt als das Impfen lediglich der Risikogruppen. „Außerdem lässt diese Betrachtung außer Acht, dass eine Impfung auch bei Jüngeren das Risiko der Entwicklung von Long-Covid stark absenkt“, gibt Ulrichs zu Bedenken.

Fazit Ulrichs: Bedingungen für Maßnahmen-Abschaffung noch nicht gegeben

Die optimistische Grundhaltung der Expertengruppe im Bezug auf die kommenden Monate, für die es keine Maßnahmen mehr bräuchte, teilt Ulrichs daher nicht. „Diesen Zustand würden wir alle sehr gerne erreichen, aber leider sind wir da noch nicht“, führt er aus.

Der Entwurf für das Infektionsschutzgesetz von Bundesgesundheits- und Bundesjustizministerium sieht ab dem 1. Oktober einen abgestuften Corona-Fahrplan für den bevorstehenden Herbst und Winter vor. Die Maßnahmen sollenvom 1. Oktober 2022 bis zum 7. April 2023 gelten. Als nächstes wird sich das Kabinett mit den Vorschlägen befassen, dann ist der Bundestag am Zug.

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