IGES-Gutachten: Daten zeigen vielerorts grenzwertige Erreichbarkeit von Apotheken

Die flächendeckende Versorgung mit Arzneimitteln ist ein zentrales Thema der Berufspolitik, aber im Vergleich zu seiner Bedeutung gab es dazu bisher wenig detaillierte Daten. Mit dem am Mittwoch veröffentlichten IGES-Gutachten hat sich das geändert. Demnach ist die flächendeckende Versorgung noch gesichert. Doch offenbar hat die Apothekendichte vielerorts die Grenze für eine angemessene Versorgung erreicht. Dies betrifft nicht nur einzelne Standorte, sondern das ist ein Strukturproblem. Eine weitere Schwächung verträgt das System daher nicht.

Zum Wesen einer flächendeckenden Versorgung gehört ihre Unteilbarkeit. Ein bisschen flächendeckend wäre wie ein bisschen schwanger. Oder anders ausgedrückt: Wenn die Versorgung irgendwo nicht funktioniert, ist sie nicht flächendeckend. Eine Analyse zu diesem Thema muss daher geographisch ins Detail gehen und jede einzelne Apotheke betrachten. Dennoch bieten die Berufsorganisationen nur Daten auf der Ebene der Bundesländer oder für ganz Deutschland. Die bisher wohl detailgenaueste Analyse zur Verteilung der Apotheken haben Professor Uwe May, Cosima Bauer und Dr. Heinz-Uwe Dettling in ihrem Gutachten zum „Versandverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel“ vorgelegt. Auf dem Stand vom Mai 2017 haben sie darin 1.711 Apotheken identifiziert, die mindestens fünf Kilometer von der nächsten Apotheke entfernt sind. Sie haben gefolgert, dass der Wegfall jeder dieser Apotheken zu einer Versorgungslücke führen würde.

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Nun liefert das IGES-Gutachten weitere Daten zum Thema. Sie beziehen sich auf den Apothekenbestand vom Februar 2020 und die Gebietsstrukturen von Ende 2018. Demnach gibt es in Deutschland 11.014 Gemeinden, von denen nur 4.631 Gemeinden über mindestens eine Apotheke verfügen. Für die Relation zwischen der Einwohnerzahl und der Zahl der Apotheken pro Gemeinde haben die Autoren eine sehr enge Korrelation festgestellt. Die 6.383 Gemeinden ohne Apotheke umfassen 30 Prozent der Fläche Deutschlands, aber darin leben nur 7,9 Prozent der Bevölkerung. Dies sagt jedoch nicht viel über die Erreichbarkeit von Apotheken aus.

Neue Daten zur Erreichbarkeit

Um die Erreichbarkeit zu ermitteln, hat das IGES-Institut die Einwohnerdaten aus einem Gitternetz mit 3,1 Millionen Zellen im Format von 100 mal 100 Metern ausgewertet. Dabei wurden tatsächliche Wege, also nicht die Luftlinie, betrachtet. Für die Erreichbarkeit mit dem Auto innerhalb einer bestimmten Zeit wurden reale Fahrzeiten aus einem Navigationssystem herangezogen. Die Analyse bezieht sich auf ganz Deutschland mit Ausnahme von elf Inselgemeinden, deren Situation sich grundlegend vom Festland unterscheidet. Aus diesen Daten wurde ermittelt, dass 98,0 Prozent der Einwohner innerhalb von zehn Minuten mit dem Auto eine Apotheke erreichen, zu Fuß aber nur 34,9 Prozent. Sogar in 20 Minuten können nur 64,1 Prozent der Einwohner zu Fuß zu einer Apotheke gelangen. Bereits diese grobe Betrachtung zeigt, dass die Erreichbarkeit zu Fuß vielerorts kritisch ist.

Mehr Daten liefern die Auswertungen nach Siedlungs- und Gemeindetypen. Demnach erreichen 97,4 Prozent der Bewohner großer Großstädte in fünf Minuten mit dem Auto eine Apotheke. In kleinen Kleinstädten sind mit dem Auto dagegen zehn Minuten nötig, damit 96,2 Prozent der Bewohner eine Apotheke erreichen. In fünf Minuten schaffen das nur 66,7 Prozent. In Landgemeinden reichen zehn Minuten mit dem Auto für 90,3 Prozent der Einwohner und 46,7 Prozent brauchen nur fünf Minuten. 

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