Impf-König Portugal hat plötzlich eine Sorge: Wir überimpfen die Bevölkerung

Anfang des Jahres geriet die Corona-Infektionslage in Portugal völlig außer Kontrolle. Wegen der überlasteten Krankenhäuser musste sogar die deutsche Bundeswehr vor Ort aushelfen. Doch mittlerweile kehrte das Land dank hoher Impfquote zu einem weitestgehend normalen Leben zurück.

Knapp über 65 Prozent der Gesamtbevölkerung sind in Deutschland mittlerweile geimpft – noch viel zu wenige also, um der Pandemie den Garaus zu machen und das Infektionsgeschehen nachhaltig einzudämmen. Auch noch viel zu wenige, um derzeit gültige Beschränkungen wie die Maskenpflicht aufzuheben.

Doch trotz erneut steigender Zahlen und zahlreicher Maßnahmen wie 3G und 2G sowie die Abschaffung kostenloser Tests ab 11. Oktober lässt der Impfturbo hierzulande immer noch auf sich warten.    

Freedom Day in Portugal – Beschränkungen weitgehend aufgehoben

Da bleibt nur ein neidischer Blick nach Portugal, das mittlerweile 98 Prozent seiner Bevölkerung über 12 Jahre vollständig geimpft hat. Bereits am 1. Oktober beendete das Land seinen „Esatdo de Alerto“ (Alarm-Zustand) und hob viele Beschränkungen auf. So dürfen Restaurants und Hotels sowie kleine Geschäfte wieder ohne Maske betreten werden – und sogar Diskotheken und Clubs nahmen den Betrieb wieder auf.

Tatsächlich bewegt sich die Zahl der Neuinfektionen mit circa 600 pro Tag in Portugal auf niedrigem Niveau. Auch die Lage in den Krankenhäusern dort ist entspannt. In Deutschland dagegen liegt die Zahl der Neuinfektionen derzeit bei einem 7-Tage-Mittel von über 8000. Seit August ist auch wieder eine Zunahme der Intensivfälle zu beobachten  – derzeit liegen über 1344 Covid-19-Erkrankte auf Intensivstationen.

ourworldindata.org Das Infektionsgeschehen in Portugal und in Deutschland

Impfbereitschaft in Portugal generell höher – Bürger werden regelmäßig aufgefordert

Doch wie ist es Portugal gelungen, sich binnen weniger Monate an anderen europäischen Ländern Europas vorbeizuschieben – ganz ohne Impfpflicht?

Ein Grund dafür ist, dass das Impfen in Portugal generell eine große gesellschaftliche Rolle einnimmt. Das sagte die Soziologin Manuel Ivone da Cunha von der Universität Minho im Norden Portugals im Gespräch mit der „Welt“. Dort werde die Bevölkerung engmaschig an die ausstehenden Impfungen der Kinder erinnert. Etwas, das es in Deutschland so nicht gibt. 

So müsse auch bei der Anmeldung in Schulen ein gültiger Impfpass vorgelegt werden, genauso wie bei der Beantragung eines Führerscheins oder der Bewerbung auf Jobs im öffentlichen Dienst. In Portugal herrsche ein Umfeld, das Impfungen erleichtere und starke Anreize biete, erklärte die Soziologin. Auch das Lager der Impfskeptiker und Impfverweigerer sei viel kleiner als in anderen europäischen Ländern. „Die Akzeptanz von Impfstoffen ist hier sehr hoch“, so da Cunha.

Marine-Befehlshaber als Impfchef eingesetzt

Hinzu kommt, dass Portugal im Bezug auf Corona eine Art "militärische Impfkampagne" durchgezogen hat. Als Chef der Aktion fungierte der ehemalige Marine-Befehlshaber und Logistik-Experte Henrique Gouveia e Melo. „Ich habe der Bevölkerung klargemacht, dass wir uns im Krieg gegen das Virus befinden und uns zusammentun müssen, um gegen es zu gewinnen und unsere Kinder davor schützen“, erklärte Gouveia e Melo gegenüber "Welt".

So wurde jeder Bürger mindestens dreimal persönlich zur Impfung eingeladen. Ging die Person darauf nicht ein, wurde sie immer wieder kontaktiert und erinnert. ourworldindata.org Die Zahl der vollständig Geimpften in Portugal und in Deutschland

Auf diese Weise gelang es den Portugiesen auch, das ohnehin schon kleine Lager an Impfgegnern noch deutlicher zu schmälern. „Ich habe dann vor den Kameras ganz ruhig gesagt, dass der Mörder das Virus ist und diese Menschen ihm helfen“, zitiert die „Welt" Gouveia e Melo.

Eine Drittimpfung sieht der ehemalige Impfchef, der Ende-September wegen der bereits erreichten Impfziels von damals 85 Prozent abgetreten ist, jedoch kritisch: „Wir überimpfen die Bevölkerung und vergessen dabei, dass ein großer Teil der Welt noch gar keine Impfung erhalten hat. Das ist aus moralisch-ethischen und strategischen Gründen ein Fehler.“ Eine Meinung, die auch viele Experten in Deutschland teilen.

Deutsche fürchten Negativ-Auswirkungen der Impfung

Die wahren Gründe, warum sich in Deutschland viele Menschen nicht impfen lassen, brachte vor kurzem eine Cosmo-Studie (Covid-Snapshot-Monitoring) ans Licht, an der unter anderem die Universität Erfurt, das Robert-Koch-Institut sowie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beteiligt waren:

  • Dabei gaben 75 Prozent der Befragten an, dass sie eine Impfung als unnötig erachteten, wenn viele andere geimpft sind.
  • 72 Prozent gaben an, dass die Nutzen-Risiko-Abwägung nicht zugunsten der Impfung ausfalle.
  • 40 Prozent dagegen äußerten Bedenken bezüglich der Sicherheit des Impfstoffes: eine nicht ausreichende Forschungslage, eine angebliche zu schnelle Zulassung sowie mögliche unbekannte Spätfolgen gehörten zu ihren Hauptargumenten.

Die Studie kam also zu dem Ergebnis, dass die Faktoren Sicherheit und Nutzen der Impfung zu den relevantesten Faktoren für eine Impfentscheidung gehören. "Bei all diesen Faktoren zeigen sich immer wieder bestimmte soziodemographische Faktoren, die auf eine geringe Impfbereitschaft durch fehlendes Vertrauen, geringe Risikowahrnehmung und Trittbrettfahren hinweisen", hieß es in der Studie.

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