Kinderarzt schlägt Alarm: Seine Praxis ist völlig überlastet, auf vielen Behandlungskosten bleibt er sitzen

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"Wenn ich mich nicht kümmere, kümmert sich niemand", sagt Dr. Reinhold Jansen aus Daun in der Vulkaneifel über seine überlastete Kinderarztpraxis. 2000 kleine Patienten versorgt der 73-Jährige mit seinem Team – bezahlt bekommt er die Zehn-Stunden-Tage aber nur noch anteilig. Und das liegt am komplizierten Rechensystem für Kassen-Ärzte.

Ärztemangel: Kinderarzt Jansen versorgt 2000 Patienten in seiner Praxis

2011, mit damals 62 Jahren, übernimmt der erfahrene Kinderarzt Dr. Reinhold Jansen eine Kinderarztpraxis in Daun, in der Vulkaneifel, für die sich sonst kein Arzt gefunden hat. "Ich habe gedacht, ich mache hier zwei, drei Jahre und dann finden wir einen Nachfolger für die Praxis", erklärt Dr. Jansen im Gespräch mit RTL. "Ich will verhindern, dass die kinderärztliche Versorgung einer ganzen Region zusammenbricht." Doch der Mangel an Kinderärzten macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

Bundesweit fehlt es an Kinderärzten, die verbleibenden Praxen sind heillos überfüllt. Für die Ärzte bedeutet das Akkordarbeit, viel Verantwortung und eine schlechte Bezahlung. Denn Ärzte mit gesetzlich versicherten Patienten bekommen eine festgelegte Pauschale pro Patient und Quartal – unabhängig davon, wie aufwändig und langwierig die Behandlung ist. Je häufiger ein Patient vorbeikommt, desto weniger verdienen Ärzte an ihm. Für Dr. Jansen bedeutet das ganz nüchtern: "Wenn ich mich nicht kümmere, kümmert sich niemand." 

Stefan Renz

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"Die medizinische Versorgung, insbesondere auf dem Land, ist lückenhaft. Langfristig entsteht da ein Riesen-Schaden und auch Kosten für die Krankenkassen, durch Folgeschäden und zu spät entdeckte Krankheiten oder zu spät erkannte Verhaltensauffälligkeiten", beschreibt Dr. Jansen die dramatische Lage auf dem Land.

Patienten fahren teilweise 40 Kilometer – ohne Jansen würde das Versorgungssystem um Daun zusammenbrechen

Teilweise 40 Kilometer würden die Eltern mit ihren Kindern fahren, sofern sie einen Termin in Jansens Praxis bekommen. Knapp die Hälfte seiner Patienten komme aus den benachbarten Landkreisen.

Und das ist auch ein politisches Problem. Denn pro Landkreis wird heruntergerechnet, wie viele Ärzte, in diesem Fall Kinderärzte, es für die dort lebenden Kinder braucht. Für Daun geht dieser Schlüssel auf – aus politischer Sicht gibt es also kein Problem. Doch in der Realität – also Dr. Jansens Wartezimmer – sieht das anders aus. Denn da es in vielen der umliegenden Kreise keine Kinderärzte mehr gibt, fragen die Eltern in Jansens Praxis an. "Bei uns melden sich weinende Eltern und bitten um Termine." Über den eigentlichen Versorgungsbereich hinaus betreut die Praxis also weite Teile der Nachbarkreise, in denen es schon keine Kinderärzte mehr gibt.

Denn die Unterversorgung mit Kinderärzten macht den Eltern Sorgen. Selbst wenn sie wollen, finden sie oftmals keinen Arzt, nichtmal für die verpflichtenden U-Untersuchungen.

"Ich kann aber die Kinder nicht wegschicken, die müssen akut versorgt werden. Die brauchen ihre Vorsorgen, denn die sind ja staatlich kontrolliert", erklärt Dr. Jansen das Dilemma. "Sonst kommt das Jugendamt und guckt bei den Eltern nach, warum das Kind nicht an der Vorsorgeuntersuchung teilgenommen hat. Das heißt, die Eltern haben einen wahnsinnigen Druck bekommen, aber keine Möglichkeit, ihr Kind irgendwo vorzustellen."

Jansen bleibt auf den Kosten für Neu-Patienten sitzen

Für die übernommene Praxis findet Dr. Jansen nach langer Suche eine Kinderärztin, mit der er sich die immer weiter zunehmende Zahl an kleinen Patienten teilen kann. Die Praxis darf allerdings nicht mehr Punkte abrechnen als die Einzelpraxis von Dr. Jansen – so die Regeln der Kassenärztlichen Vereinigung. Für neue Patienten gibt es also kein Honorar. Die beiden Ärzte weisen dennoch keine Kinder ab.

Doch nach einiger Zeit wird die Kollegin schwanger, erwartet Zwillinge, muss vorzeitig in Mutterschutz und zieht dann weg. "Der ganze Kostenapparat mit Mitarbeitern und Miete läuft weiter, aber es wird keine Leistung mehr erbracht", erklärt der Mediziner. "Ich habe das dann in dem Moment übernommen. Musste ich ja, um die Leute zu versorgen." 

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Für seine Bezahlung durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) hat das aber fatale Folgen: Nachdem die Kollegin aufgehört hat zu arbeiten, wurden die Punkte, auf deren Basis gerechnet wird, für die Praxis halbiert. Weil nur noch ein Arzt tätig war auf der gleichen Stelle. "Und das war die Obergrenze, die dann neu eintrat. Alles, was darüber lag, wurde abgestaffelt und nur noch die Hälfte davon bezahlt", so Dr. Jansen.

„Die Praxis ist mittlerweile hochverschuldet“ 

"Für die Behandlung der Kinder im jeweils dritten Quartalsmonat gibt es kein Geld mehr! Miete und Gehälter der acht Angestellten, Energiekosten und Gerätekosten laufen jedoch weiter. Die Praxis ist mittlerweile hoch verschuldet." Der mittlerweile 73-Jährige befürchtet, dass er unter diesen prekären finanziellen Umständen keinen Nachfolger für seine Praxis finden wird.

Auf Nachfrage bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung heißt es von einem Sprecher: "Das grundsätzliche Problem sind die Budgets – übrigens für alle Arztgruppen. Wir haben in der gesetzlichen Krankenversicherung ein unbegrenztes Leistungsversprechen, aber nur eine begrenzte Summe an Geld für diese Leistungen."

Auf Dauer schadet dieses System vor allem Patienten. Denn wenn das durch die KV bereitgestellte Budget erreicht ist, schließen viele Ärzte, da sie sonst unentgeltlich arbeiten würden. Trotz vorhandener Kapazitäten stehen Patienten dann vor geschlossenen Türen. Für Kinderarzt Dr. Jansen ist das keine Option. Gerade seit Ende des Jahres grassiert das RS-Virus unter Kindern, viele der kleinen Patienten brauchen dringend intensive Betreuung.

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