Kommt jetzt die Impfpflicht in Deutschland? Das sagen Experten zur Debatte

Pflegekräfte leisten nicht nur viel, sie haben auch eine Vorbildfunktion in der Krise: Lassen sie sich gegen Covid-19 impfen, steigt auch die Bereitschaft ihrer Patienten. Um die Impfungen weiter anzukurbeln, hat Ministerpräsident Markus Söder deshalb eine Impfpflicht ins Gespräch gebracht, Außenminister Maas will Geimpfte belohnen.

Mehr als eine Million Menschen haben sich in Deutschland mittlerweile gegen Covid-19 impfen lassen. Knapp die Hälfte davon sind Menschen, die aufgrund ihres Berufs ein erhöhtes Risiko haben, an Covid-19 zu erkranken – etwa Personal in Kliniken und Pflegeheimen. 514.710 Impfungen zählt das Robert-Koch-Institut in diesem Bereich am 16. Januar. Das ist manch einem noch zu wenig. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat daher eine Impfpflicht für Menschen in Pflegeberufen ins Gespräch gebracht.

Es gebe unter dem Pflegepersonal zu viele, die eine Impfung gegen das Coronavirus verweigerten, sagte Söder der "Süddeutschen Zeitung". Deshalb solle der Deutsche Ethikrat Vorschläge machen, "ob und für welche Gruppen eine Impfpflicht denkbar wäre". Gerade in den Pflegeheimen gehe es schließlich "um Leben und Tod".

Außenminister Heiko Maas stieß unterdessen eine Debatte um Lockerung für Geimpfte an. Sie sollten "wieder ihre Grundrechte ausüben dürfen" und beispielsweise ins Restaurant oder Kino gehen dürfen. Auch solche Sonderregeln könnten den Druck auf die Bevölkerung, sich impfen zu lassen, erhöhen. Gesundheitsminister Jens Spahn beteuert weiterhin, eine Impfpflicht werde es für niemanden geben. Was halten Ärzte und Wissenschaftler von den Vorstößen aus der Politik? FOCUS Online hat aktuelle Stimmen zur Debatte:

Politikwissenschaftlerin: "Impfpflicht kann bestehende Impfskepsis noch verstärken"

Es "ist bekannt, dass Ärztinnen und Ärzte sowie anderes Gesundheitspersonal eine Schlüsselrolle im Impfsystem spielen. Im besten Falle stärken sie das Vertrauen in Impfungen", sagt Katharina Theresa Paul vom Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Sie kann den Zusammenhang bestätigen: Je mehr Pflegekräfte geimpft sind, desto mehr Patienten lassen sich impfen.

Trotzdem warnt Paul vor einer gesetzlich vorgeschriebenen Impfpflicht für Pflegepersonal. Denn die könnte genau das Gegenteil bewirken: "Aus der sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Forschung ist bekannt, dass eine Impfpflicht bestehende Impfskepsis noch verstärken kann beziehungsweise sogenannte Reaktanz, also Widerstand, fördern kann – und zwar bei jenen, die nicht grundsätzlich Impfungen ablehnen, sondern noch unsicher sind. Da dies bei der neuen Covid-19-Impfung auf große Bevölkerungssegmente zutreffen mag, könnte sich selbst eine berufsgruppenspezifische Impfpflicht negativ auf die Impfbereitschaft insgesamt auswirken."

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Pflegeforscher: „Zur Solidarität kann man nicht verpflichten“

Das Personal in Pflegeberufen sollte nicht als Sündenbock für die "Ruckelei" rund um die Impfstrategie herangezogen werden, mahnt Stefan Görres. Er ist Leiter der Abteilung für Interdisziplinäre Alterns- und Pflegeforschung am Institut für Public Health und Pflegeforschung an der Universität Bremen. Statt eine Pflicht zu verhängen, müsse die Einsicht und Bereitschaft der Bevölkerung gestärkt werden.

"Wir brauchen eine Impfsolidarität und zur Solidarität kann man nicht verpflichten", sagt Görres. Den freien Willen zur Impfung könne die Politik am besten stärken, wenn Entscheidungen und Regeln klar kommuniziert werden. Das derzeitige Regel-Wirrwarr sei dagegen kontraproduktiv. Mit wie vielen Menschen darf ich mich aktuell treffen? Wann öffnen die Schulen endlich wieder? Wer nicht einmal wisse, welche Vorschriften gerade im eigenen Wohnzimmer gelten, der habe auch weniger Vertrauen in Maßnahmen wie das Impfen, meint Görres. "Psychologisch betrachtet führt dies nicht nur zu nachlassender Akzeptanz, sondern auch bei einem nicht kleinen Teil der Bevölkerung zur Resignation."

Wichtig seien außerdem reibungslose Abläufe, etwa bei der Terminvergabe, um der Motivation der Impfwilligen keinen Dämpfer zu verpassen. Außerdem bezweifelt Görres, dass Pflegepersonal tatsächlich so impfscheu ist wie behauptet: "Eine Datenlage zur angeblich geringen Impfbereitschaft unter dem Gesundheitspersonal ist faktisch nicht vorhanden."

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  • Gesundheitswissenschaftlerin: Debatte noch zu früh

    Pflegekräfte stehen ohnehin schon unter einem enormen Druck, den eine Impfpflicht nicht auch noch verstärkten sollte, meint Beate Blättner. Sie ist Professorin für Gesundheitsförderung im Fachbereich Pflege und Gesundheit an der Hochschule Fulda. "Beschäftigte in der Gesundheitsversorgung, insbesondere Pflegekräfte, waren und sind durch Covid-19 einem besonderen Druck ausgesetzt. Es ist wenig sinnvoll, sie jetzt als Berufsgruppe zu diffamieren und ihnen mangelnde Impfbereitschaft zu unterstellen."

    Blättner weist ebenso wie Pflegeforscher Stefan Görres darauf hin, dass die geringe Impfbereitschaft unter Gesundheitspersonal nicht ausreichend belegt sei. Diese Annahme beruhe auf den Ergebnissen einer Blitzumfrage, "deren Aussagekraft methodisch mangels entsprechender Angaben nicht überprüfbar sind. Das sind keine belastbaren Aussagen."

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    Die Impfpflicht-Debatte sei zudem verfrüht. Zum einen stehe noch gar nicht genügend Impfstoff bereit: "Eine Impfpflicht, bei der sich bestimmte Gruppen impfen lassen müssen, während für andere kein Impfstoff vorhanden ist, verbietet sich bereits aus ethischen Gründen." Zum anderen sei noch unklar, ob Geimpfte weiterhin andere anstecken können. Erst dann wäre es laut Blättner "berechtigt, darüber nachzudenken, ob sichergestellt werden muss, dass die Berufsgruppen, die im engen Kontakt mit gegenüber schweren und teilweise tödlichen Krankheitsverläufen besonders vulnerablen Gruppen stehen, zu deren Schutz geimpft sein sollten."

    Ärztin: Impfpflicht gegen Masern – aber nicht gegen Covid-19

    Seit März 2020 müssen Mitarbeiter in Gesundheitseinrichtungen gegen Masern geimpft sein. Wieso sollte es eine solche Vorschrift nicht auch für Covid-19 geben? Hedwig Roggendorf betont einen wichtigen Unterschied: "Da der Masern-Impfstoff seit über 50 Jahren auf dem Markt ist und seine Wirksamkeit und Sicherheit wissenschaftlich erwiesen ist, gibt es keinen Grund, sich nicht impfen zu lassen – insbesondere im medizinischen Bereich."

    Bei einer Impfpflicht gegen Covid-19 sei die Lage anders, sagt sie, da es sich um einen neuen Impfstoff handle, bei dem Erfahrungswerte zu Langzeitfolgen fehlen. "Dadurch sind die Menschen verunsichert und haben Angst. Dabei wäre eine Impfpflicht meines Erachtens kontraproduktiv." Roggendorf ist die Verantwortliche des Covid-19-Impfzentrums MRI und der Reise-Impfsprechstunde am Klinikum rechts der Isar in München.

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