Mein liebes Tagebuch

Das Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz darf kommen – man kann es als grünes Licht deuten, was der EU-Kommissar Breton in einem Brief an unseren Bundesgesundheitsminister schrieb. Und dennoch, es wird nicht ausbleiben, dass das Gesetz nach Inkrafttreten vor dem Europäischen Gerichtshof landet. Davon gehen sogar Spahn, Gesundheitspolitiker und der ABDA-Präsident aus. – Düster und teuer bleibt es für die Apotheken, die von der AvP-Pleite betroffen sind. Frust und Sorgen! Schnellkredite ja, aber wohl keinen zinslosen Rettungsfonds. Das Geld für die Rezepte wird es, wenn überhaupt, lange nicht geben. – Gibt’s nicht in Apotheken: die ersten Gesundheits-Apps auf Rezept. Gibt’s in Apotheken: Grippeschutzimpfungen – die ersten deutschen Apotheken haben geimpft. 

5. Oktober 2020 

Keine Frage, Corona beflügelt den Online-Handel. Warum soll ich mich mit Maske samt den übrigen AHA-Regeln in eine infektiöse Umwelt begeben, wenn ich meine Ware sicher und bequem online bestellen kann und der Paketbote legt sie mir vor die Tür? – diese Frage stellen sich vermutlich viele Menschen, die in Versandapos einkaufen. Wie sonst sind die steigenden Umsätzen der letzten Monate zu verstehen? Nehmen wir als Beispiel das Versandhaus Shop Apotheke, seit September im MDax gelistet. Der Konzernumsatz des Versandhändlers ist im dritten Quartal um knapp 40 Prozent auf 238,7 Mio. Euro gewachsen. Allein in der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) freut sich der Versender über ein Plus von rund 34 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Besonders bemerkenswert ist der Rx-Bereich: Im ersten Halbjahr 2020 meldet hier Shop Apotheke ein Plus von 18 Prozent gegenüber den ersten sechs Monaten 2019. Mein liebes Tagebuch, solche Entwicklungen lassen uns Apothekers nicht kalt. Und die Politik schaut weg. Gegen solche Strömungen hilft wohl auch kein halbseidenes VOASG mit einem wackeligen Rx-Boni-Verbot und geplanten honorierten pharmazeutischen Dienstleistungen, von denen wir noch weit entfernt sind. Nein, hier arbeiten gewaltige Marktkräfte, die Anlockung von Kunden ist stark. Mein liebes Tagebuch, ich hab mir das auf der Shop Apotheken-Seite mal angesehen: 5 Euro gibt’s einmalig für die Newsletter-Bestellung, 10 Euro fürs Einreichen des ersten Rezepts; außerdem sind derzeit bis zu 30 Euro Boni drin, abhängig vom Preis und Anzahl der verordneten Arzneimittel (bei einem Arzneimittelpreis unter 70 Euro gibt’s 2,50 Euro Bonus, über 300 Euro gibt’s die 10 Euro Bonus). Bei entsprechend hohem Rezeptwert könnte ein Erstkunde, der sich auch zum Newsletter anmeldet, so einmalig gleich 45 Euro auf sein Shop-Konto gespült bekommen, die er z. B. für den Kauf von OTC-Arzneimittel einsetzen kann. Und schreibt er für seine gekauften Produkte eine Bewertungn mit mindestens 50 Wörtern ins Netz, gibt’s zusätzlich noch einen 5% Rabatt-Gutschein für jede Premium-Bewertung. Ab 9 Euro liefert dieser Versender zudem versandkostenfrei. Mein liebes Tagebuch, EU-Versender werden natürlich mit allen Marketing- und sonstigen Instrumenten versuchen, an E-Rezepte zu gelangen. Wo sind unsere Gegenstrategien? Das Vor-Ort-Apotheken-Stärkungsgesetz, wenn’s denn so kommt und hält, was es verspricht? Dann gibt’s zumindest keine Boni mehr für GKV-Patienten. Wir werden vermutlich noch viel mehr als heute unsere Stärken herausstellen müssen: den direktem Kontakt von Mensch zu Mensch und die Tatsache, dass es bei uns die Ware sofort oder am gleichen Tag per Botendienst gibt.

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