Mein liebes Tagebuch

Corona hat uns fest im Griff: Wir dürfen wieder Boten schicken, aber jetzt gibt’s nur noch 2,50 Euro dafür. Auf der Zielgeraden: das Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz, es kommt, bald. Und die honorierten Dienstleistungen? Welche Dienstleistungen? Alles noch geheim! Auf keinen Fall mit Selektivverträgen. Und was wird aus den notleidenden AvP-Apotheken? Bisher gibt’s nur Palliativmaßnahmen, der zinslose Rettungsschirm steht noch aus. Und Zur-Rose-Chef lässt die Hosen runter: Er hinterfragt die Trennung von Arzt und Apotheker – warum wohl? Um es mit den Jugendwörtern 2020 zu sagen: Eine Woche, in der vieles „lost“ ist, einiges auch „cringe“ und alles ziemlich „wyld“.

12. Oktober 2020 

Vieles von dem, was Frank Diener von der Treuhand im DAZ-Gespräch über das Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz (VOASG) sagt, ist richtig, aber über die eine oder andere Bewertung kann man durchaus streiten. Ganz klar, da hat er Recht: Was beim VOASG fehlt, sind die Gleichpreisigkeit bei Privatrezepten, die technische Absicherung des juristisch verankerten Rezeptmakelverbots und finanziell und organisatorisch mutigere Schritte bei den pharmazeutischen Dienstleistungen. Stimmt, Herr Diener, diese pharmazeutischen Dienstleistungen – wenn man denn schon mehr wüsste, was da im Berliner Apothekerhaus ausgebrütet wird. Wir wissen es ja: Hier herrscht wieder einmal das große Schweigen der ABDA. Bis heute ist da alles im Nebulösen geblieben, was und wie man sich das genau mit den Dienstleistungen vorstellt, ganz zu schweigen, wie sie denn im einzelnen honoriert werden sollen. Angeblich soll es schon detailliertere Ausarbeitungen geben, die aber noch nicht an die Öffentlichkeit dürfen – also alles noch sehr geheim. Wie soll man da Krankenkassen und Versicherte für pharmazeutische Dienstleistungen der Apotheken interessieren oder gar begeistern? Vermutlich werden wir Apothekers mit Blick auf das Honorar für Dienstleistungen  nicht recht glücklich werden, denn die im VOASG vorgesehenen 150. Mio. Euro sind wirklich nicht die Welt. Und was sieht das Frank Diene? Er weiß er, dass anspruchs­volle pharmazeutische Dienstleistungen personalintensiv und damit teuer für die Kostenträger sind. Er geht davon aus, dass eine Approbiertenstunde mit Vollkosten von 40 Euro angesetzt werden. Ups, Herr Diener, nur 40 Euro? Wie geht das denn? Diener erklärt es damit, dass seine Rechnung nur alle anfallenden Personalkosten des Arbeitgebers beinhaltet. Unser DAZ-Wirtschaftsexperte Thomas Müller-Bohn hat da anders, nämlich „voller“ gerechnet und ist unter dem Begriff „Vollkosten“ auf 102,60 Euro pro Stunde gekommen. Mein liebes Tagebuch, das erscheint mir doch plausibler. Nur die Personalkosten im weitesten Sinn zu berücksichtigen geht meiner Meinung gar nicht, die Leistung wird doch nicht im luftleeren Raum erbracht, vielmehr gilt es doch, die gesamte Infrastruktur einer Apotheke zu berücksichtigen. Worüber man auch geteilter Meinung sein kann, ist Dieners weiterer Vorschlag zum Dienstleistungsfonds: Er kann sich vorstellen, die 20 Cent, die es pro Rx-Packung dafür gibt, erstmal ein, zwei Jahre in den Fonds einzuzahlen, um damit ein unterstützendes KI-Expertensystem in Apothekerhand zu entwickeln. Das KI-System könnte dann den Apotheken kostenfrei zur Verfügung stehen. Mit diesem System sollte es der Apotheke möglich sein,  pharmazeutische Dienstleistungen weniger per­sonalintensiv und kostengünstiger zu erbringen, meint Diener. Hhmm, mein liebes Tagebuch, mal ein anderer Ansatz, aber einer mit tausend Fragezeichen. Lässt sich ein funktionierendes KI-System in so kurzer Zeit entwickeln? Lassen sich die geplanten Dienstleistungen mit einem KI-System wirklich günstiger und besser erbringen? Zählt bei den pharmazeutischen Dienstleistungen nicht gerade die Komponente Mensch mit Zuwendung und Empathie mehr als eine KI-App? Schwierig, oder? Mal ganz platt: Vielleicht sollte man sich immer wieder vor Augen führen, dass die im VOASG für unsere pharmazeutischen Dienstleistungen vorgesehenen 150 Mio. Euro hinten und vorne nicht reichen. Da wird auch eine teure KI nichts ausrichten.

 

Und wer sich noch mehr mit dem Thema der pharmazeutischen Dienstleistungen befassen will, sollte sich die jüngsten Entwicklungen dazu vor Augen halten: Politik und einige Verbände rufen nach einer Regionalisierung der neuen pharmazeutischen Dienstleistungen! Oh Gott, was ist das denn und warum das? Mein liebes Tagebuch, mal auf den Punkt gebracht: Das ist eine Art Trojanisches Pferd oder – noch einfacher – es ist Schmu. Und darum geht’s: Eigentlich wollen die Kassen keine pharmazeutischen Dienstleistungen bezahlen. Aber da das VOASG nun mal honorierte Dienstleistungen vorsieht, müssen sich die Kassen mit uns Apothekers irgendwie einigen. Klingt nach zähen Verhandlungen und wenig Geld. Um zu Potte zu kommen, favorisieren die Kassen und auch so manche Politiker den Einstieg in honoriertn pharmazeutischn Dienstleistungen auf regionaler Ebene, soll heißen mit flexiblen regionalen Konzepten (klingt dynamisch und freundlich), die sich aber bei genauem Hinsehen als knallharte Selektivverträge auf regionaler Ebene entpuppen. Und da liegt der Hund begraben: Mit Selektivverträgen würden zwar alle Apotheken in den Topf einzahlen, aber nur wenige Apotheken und nur ein kleiner Teil der Versicherten würden davon profitieren. Außerdem gäbe es die Gefahr von Langzeitwirkungen: Wenn sich eine Leistung regional erstmal etabliert hat, haben sich Apotheken, aber auch die Versicherte darauf eingestellt und wollen sie nicht mehr missen. Das ist auch den Kassen klar – und in der nächsten Verhandlungsrunde ziehen sie die Daumenschrauben an: Das Honorar wird niedriger. Nein, mein liebes Tagebuch, pharmazeutische Dienstleistungen auf Basis regionaler Selektivverträge darf es nicht geben. Das führt jede unserer Dienstleistungen ad absurdum – dann kann man’s gleich sein lassen.

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