Psychologin zum Tod von Aaron Carter: „Was nach Traumleben aussieht, ist oft ein Überlebenskampf“

Aaron Carter ist nicht der erste Ex-Teenie-Star, der früh verstirbt. Woran liegt das? Ist der psychische Druck nicht mehr zu ertragen? Inwiefern spielen Eltern oder die Öffentlichkeit eine Rolle? Wir haben bei der Psychologin Alina Wilms nachgefragt.

Aaron Carter ist tot. Er wurde nur 34 Jahre alt. Carter reiht sich damit ein, in eine Liste von ehemaligen Kinderstars, die ein tragisches Schicksal eint: Sie wurden früh gefeiert und umjubelt, dann folgte der Absturz mit psychischen Problemen, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch. Immer wieder endet es auch tödlich. Woran liegt das? Die Psychologin Dr. Alina Wilms gibt Antworten.

FOCUS online: Immer wieder liest man von Ex-Kinderstars, die an ihrem Ruhm zerbrechen. Sie stürzen ab, es kommt zu Medikamenten- oder Drogenmissbrauch, manchmal auch zu Todesfällen. Warum?

Alina Wilms: Was auf den ersten Blick wie ein Traumleben anmutet, ist näher betrachtet oft ein unglücklicher Überlebenskampf. Mehrere ungünstige Faktoren kommen häufig zusammen. Hierzu gehört, dass die Jungsstars in der Regel überehrgeizige Eltern haben, die sie pushen und ihnen offen und unterschwellig immer wieder signalisieren, dass ihr Wert als Mensch einzig und allein erfolgsabhängig ist.

Durch die spezielle Sozialisierung als Stars verpassen sie das Kindsein und können nicht lernen, auch unter nicht-glamurösen Bedingungen zufrieden mit sich, der Welt und dem eigenen Leben zu sein. Nur zielorienter Erfolg führt zu kurzfristigem Scheinglück.

Wenn die Kinder besonders extrovertiert sind und die Bühne auch intrinsich, also aus eigener Motivation, lieben, hilft das dabei, ständig im Rampenlicht zu stehen. Der Nachteil ist, dass sie die Entwöhnung nicht ertragen können, wenn Auftragsflaute ist. Sind die Kinder eher introvertiert und müssen sich zunächst überwinden, Öffentlichkeitsstar zu werden, können sie zwar besser mit Phasen der Auftragsflaute umgehen, da das Starleben jedoch gegen ihre natürlicherweise in sich gekehrte Persönlichkeit gewandt ist, brauchen sie Drogen und Alkohol, um sich zu enthemmen und den nächsten Auftritt über die Bühne zu bringen. Dabei entsteht besonders schnell eine Abhängigkeit, da sie lernen, Rauschmittel zu brauchen, um zu funktionieren. Es ist also eine tragische Lose-Lose-Situation.

Kommen dann auch noch familiäre Vorbelastungen psychischer Störungen hinzu, ist das traurige Schicksal der Kinderstars meist schon früh besiegelt.

Über die Expertin

Alina Wilms ist promovierte Psychologin, die in London und Oxford studiert hat. Neben ihrer Spezialisierung als Trauma-Expertin coacht sie Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Sport.

Tatsächlich ist auch Aaron Carters Schwester Leslie jung, im Alter von nur 25 Jahren, verstorben. Ist es der Druck der Öffentlichkeit, der Fans, der Eltern, der auf ihnen lastete?

Alina Wilms: Wenn es in einer Familie mehrere Kinderstars gibt, erhöht sich der Druck, da die Kids miteinander konkurrieren, sich gegenseitig übertrumpfen möchten. Ist ein Kind dabei auf die schiefe Bahn der Drogenabhängigkeit geraten, folgen die Geschwister häufig demselben familiär schon eingetretenen Schicksalspfad und machen die gleichen Fehler, insbesondere, wenn die Eltern oder betreuende Manager nicht rechtzeitig gegensteuern.

Oft ist schwer zu sagen, ob es sich bei den Todesfällen um willentlich geplanten Suizid handelt oder ob sie auf Unfälle zurückzuführen sind, der Drogen- oder Medikamentenkonsum zum Tod geführt hat, ohne dass dies gewollt war.

Gerade, wenn mehrere Kinderstars zu einer Familie gehören, könnten sie einander Trost spenden, weil sie sich empathisch in die Drucksituation der Geschwister hineinversetzen können. Meist passiert aber das Gegenteil und sie eignen sich die gesundheitsgefährdenden Verhaltensweisen ihrer Geschwister an, deren Erfolg weiteren Konkurrenzdruck auslöst. Anstatt einander zu stützen, zerstören sie einander – manchmal vorsätzlich, manchmal unbewusst.

In der Carter-Familie waren die Bindungen offensichtlich ohnehin ambivalent. Gerade Kinder benötigen aber tragfähige, zuverlässige Bindungen, Kinderstars noch mehr als Kinder in der normalen Welt. Der Vater der Carter-Kids verstarb früh, Schwester Leslie soll aufgrund einer psychischen Störung Aaron gegenüber sexuell übergriffig geworden sein. Bruder Nick und Zwillingsschwester Angel sollen ein gerichtliches Annäherungsverbot gegen Aaron angestrebt haben. Aaron hatte also nur ambivalente familiäre Bindungen, die dann auch noch konfliktschürend in Familiendoku-Soaps öffentlich zur Schau gestellt wurden. Als Leslie verstarb, nahm er quasi ihre Position ein.

Online wird manchmal vom „Kinderstar-Syndrom“ gesprochen. Gibt es diese Diagnose tatsächlich?

Alina Wilms: Nein, die Diagnose Kinderstar-Syndrom existiert nicht. Der Begriff wurde von der Öffentlichkeit geprägt als Sammeldefinition für die inzwischen zahlreichen jungen Stars, die an ihrem Starleben zerbrachen. Syndrom bedeutet ja, dass bestimmte Charakteristika sich immer wiederholen. Hierzu gehört das junge Alter in Kombination mit dem internationalen Bekanntheitsgrad, der Konsum von Drogen, Alkohol- oder Psychopharmakamissbrauch, oft auch in Kombination, psychische Folgeschäden, Leistungsdruck der Erziehungsberechtigten und ein vermehrtes Interesse der Skandalpresse.

Inwiefern hat sich die Situation durch die sozialen Medien verschärft?

Alina Wilms: Da über die sozialen Medien mit einem Knopfdruck die globale Community informiert wird und das ausschließlich, wenn es um negative Berichterstattung geht, haben sie sicherlich einen verschärfenden Anteil an der fatalen Entwicklung Aarons gehabt. Gerade junge, erfolgsverwöhnte Menschen, die positives Idol sein möchten, zerbrechen daran, sich täglich in den Negativnachrichten wiederzufinden und tausende Kommentare über sich in den sozialen Medien zu lesen. Ganz unglücklich war jedoch auch die Teilnahme der Familie an Fernsehsendungen, die von vornherein darauf ausgerichtet waren, Familienkonflikte zu schüren und zur Schau zu stellen, denn „Conflict sells!“, quasi die moderne Version der Gladiatorenkämpfe und Garant für hohe Einschaltquoten.

Gibt es auch positive Beispiele? Was machen sie anders?

Alina Wilms: Natürlich gibt es auch Kinderstars, die psychisch stabil und weniger gefährdet waren, später studierten und bis ins Erwachsenenalter erfolgreich blieben. Sie hatten das Glück, über besondere protektive Faktoren, sogenannte Schutzfaktoren zu verfügen. Schutzfaktoren können Bewältigungsstrategien sein, die persönlichkeitsimmanent oder erlernt sind. Es können aber auch externe Faktoren sein, wie bei Drew Barrymore und Emma Watson.

Drew Barrymore, die durch E.T. bekannt wurde und auch heute noch erfolgreiche Erwachsenendarstellerin ist, wurde anders als die meisten Kinderstars von dem überaus einflussreichen Steven Spielberg protegiert, der ihr Patenonkel sein soll. Mit einem so einflussreichen Schutzpatron am Filmset hatte sie immer einen sicheren Anker und wusste vermutlich, auch in Situationen des Versagens aufgrund der persönlichen Beziehung außer Konkurrenz zu sein.

Emma Watson ist ein weiteres Positivbeispiel. Ihr kam zugute, dass ihre Eltern beide Anwälte waren, also keine Entertainmentfanatiker, die ihre Tochter um jeden Preis ins Showbusiness gepusht hätten. In Paris geboren und in London und dem beschaulichen Oxford aufgewachsen, war ihre Sozialisation normaler als die der Kids der US-Entertainmentsociety. Schutzfaktor Nummer drei war, dass nach Teil Eins von Harry Potter klar war, dass es mehrere Folge-Episoden geben würde und dass diese Episoden alle mit Emma Watson als Hermine Granger als eine der Hauptfiguren weitergeführt werden würden. Sie hatte also weniger Erfolgsdruck, neue Aufträge an Land zu ziehen, weil sie mit Harry Potter bis ins frühe Erwachsenenalter sicher ausgebucht war.

Was muss sich im Umgang mit Kinderstars ändern?

Alina Wilms: Wenn Eltern ihr Kinder pushen, Stars zu werden, sollten sie zunächst reflektieren, welche Sekundärmotivation (eigenes verstecktes Motiv) sie hierzu treibt. Darüber hinaus sollten Eltern die werdende Persönlichkeit des eigenen Kindes gut verstehen, um ehrlich zu beurteilen, ob das Kind überhaupt in der Entertainment-Industrie bestehen kann. Eine ehrliche Aufklärung über Risiken, beispielsweise durch die gemeinsame Beschäftigung mit traurigen Schicksalen von Kinderstars, klärt Möchtegern-Kinderstars über die Schattenseiten des idealisierten Star-Daseins auf.

Ohne eine große Portion Eigenmotivation des Kindes sollte der Entertainmentweg überhaupt nicht eingeschlagen werden und selbst wenn die Initiative vom Kind ausgeht, sollte geklärt werden, was die Motive des Kindes sind und was es durch den erträumten Erfolg vielleicht kompensieren möchte.

Wie können sie besser geschützt werden?

Um Kinderstars zu schützen, sollte ein Manager gefunden werden, die oder der empathisch und pflichtbewusst das psychische Wohl des Kinderstars als erste Priorität schützt, idealerweise von vorne herein in einen psychologischen Begleitexperten investiert werden, bei der oder dem das Kind in vertrautem Setting das eigene Befinden regelmäßig thematisieren kann, sozusagen als Prophylaxe.

Als Formel kann man sagen, dass je mehr das Kind Erfolg (und Misserfolg) und der heutigen Öffentlichkeit ausgesetzt ist, desto mehr Phasen benötigt es, um achtsam bei sich und der Natur fernab des Glamours zu sein, psychohygienisch begleitet zu werden, Kindzeiten mit Spielen, Rumtollen und Dreckigmachen zu erleben. Es sollte stets die Gewissheit haben, jederzeit aussteigen zu können und zu dürfen, in dem sicheren Wissen, von den Eltern bedingungslos des eigenen Selbst wegen und nicht des Erfolgs willen geliebt zu werden!

 

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