Schwartze fordert „schnellstmöglich“ eine Entscheidung bei den pharmazeutischen Dienstleistungen

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze (SPD), setzt große Hoffnungen in die neuen pharmazeutischen Dienstleistungen: Vor allem Multimorbide und Senioren können mit Angeboten wie der Medikationsanalyse besser als bisher vor Neben- und Wechselwirkungen von Arzneimitteln geschützt werden, hofft er. Damit solche Dienstleistungen endlich bei den Versicherten ankommen, fordert er den GKV-Spitzenverband und den DAV auf, nun rasch zu einer Einigung zu kommen und eine politische Einmischung zu vermeiden.

DAZ: Die Einführung der neuen pharmazeutischen Dienstleistungen steht kurz bevor. Noch ist der Katalog an Leistungen weitgehend geheim – welche Angebote wären aus Ihrer Sicht wünschenswert?

Schwartze: Zunächst ist es mir sehr wichtig zu betonen, dass pharmazeutische Dienstleistungen kein Selbstzweck sind. Sie müssen eine niedrigschwellige und barrierefreie Versorgungsverbesserung der Patientinnen und Patienten als Ziel haben. Daher sollten sich pharmazeutischen Dienstleistungen aus meiner Sicht primär auf drei Bereiche konzentrieren: Erstens die Erhöhung der Arzneimittelsicherheit durch eine strukturierte Medikationsanalyse zur Vermeidung von Polymedikationsrisiken. Zweitens die Stärkung der Therapietreue. Hier könnte ich mir die Betreuung und die Pflege des Medikationsplanes, die Bereitstellung individueller Verblisterungen oder personalisierte Verpackungen und vor allem eine noch intensivere Beratung, warum, wann und auf welche Weise die jeweiligen Medikamente eingenommen werden sollen, als wichtige unterstützende Dienstleistungen vorstellen. Und drittens sollten pharmazeutische Dienstleistungen der Sicherstellung der Arzneimittelversorgung insbesondere in ländlichen Regionen mit wenigen Apotheken dienen – zum Beispiel durch die Betreuung von Patientinnen und Patienten im häuslichen Umfeld oder durch ausgeweitete Botendienste.

Eine Dienstleistung, auf die sich der Deutsche Apothekerverband und der GKV-Spitzenverband offenbar recht schnell einigen konnten, ist die Medikationsanalyse. Geht dieser Ansatz in die richtige Richtung? Was erhoffen Sie sich davon konkret für die Versicherten?

Der Ansatz der Medikationsanalyse geht genau in die richtige Richtung. Polymedikation erhöht das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen erheblich, insbesondere dann, wenn unterschiedliche Medikamente über Jahre ohne kritische Prüfung von möglichen Arzneimittelwechselwirkungen weiterverordnet werden. Das kann gerade für ältere Menschen ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellen. Die Ausmaße des Problems skizziert ganz aktuell der Gesundheitsreport 2022 der AOK Rheinland/Hamburg beispielhaft: Nach den Krankenkassendaten haben vier von zehn Versicherten über 65 Jahre im ersten Quartal 2022 mehr als fünf Medikamente verschrieben bekommen. Zudem bekam jeder fünfte ältere Versicherte mindestens ein Medikament pro Jahr verordnet, das laut der sogenannten Priscus-Liste ausdrücklich für Senioren potenziell ungeeignet ist.

Hier kann die pharmazeutische Kompetenz der Apothekerinnen und Apotheker im Rahmen einer systematischen und standarisierten Analyse der gesamten Medikation einen großen Beitrag dazu leisten, um zunächst überhaupt eine Übersicht aller ärztlich verordneten und rezeptfreien Arzneimittel zu erhalten und darauf aufbauend arzneimittelbezogene Probleme und mögliche unerwünschte Wechsel- bzw. Nebenwirkungen zu identifizieren.

Im Modellprojekt ARMIN (Arzneimittelinitiative in Sachsen und Thüringen) gehen die Beteiligten noch einen Schritt weiter: Dort nutzen Apotheken und Praxen den Medikationsplan als digitales Tool und betreuen die Patientinnen und Patienten darüber kontinuierlich gemeinsam. Braucht es bei der Arzneimitteltherapie auch in der Regelversorgung diesen intensivierten Austausch und wie kann es gelingen, solch ein Konzept umzusetzen?

Die Arzneimittelinitiative in Sachsen und Thüringen ist ein sehr gelungenes Beispiel dafür, welchen Mehrwert eine Medikationsanalyse für eine bessere und sichere Arzneimittelversorgung der Patientinnen und Patienten leisten kann. Das Projekt setzt dabei einen Ansatz um, der auch mir sehr wichtig ist: die interprofessionelle Zusammenarbeit. Das Wissen um die Analyse der Medikation sollte nicht auf die Apotheke beschränkt bleiben, sondern auch den behandelnden Ärztinnen und Ärzten sowie den betroffenen Patientinnen und Patienten zur Verfügung gestellt werden. In enger Abstimmung sollte – wie in Sachsen und Thüringen erfolgreich erprobt – ein individueller Medikationsplan entstehen, der die notwendigen Medikamente enthält, bezüglich möglicher Wechselwirkungen regelmäßig geprüft und stetig aktualisiert wird. Flankiert durch eine umfassende Beratung und Aufklärung der Versicherten sowie durch digitale Lösungen, erhöht dies nicht nur den sektorenübergreifenden Informationsfluss, und die Arzneimittelsicherheit, sondern steigert gleichzeitig niedrigschwellig die Gesundheitskompetenz und das Verständnis der Betroffenen für die Notwendigkeit ihrer Medikation – das wirkt sich wiederum positiv auf die Therapietreue aus. Ein derartiger interprofessioneller Austausch zum Nutzen der Patientinnen und Patienten wäre aus meiner Sicht ein Gewinn für die Regelversorgung.

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