Schweizer Physiker greift Corona-Berater an: Prognose und Realität oft eklatant auseinander

Virologen, Epidemiologen, Mediziner: Selten waren Wissenschaftler politisch so gefragt wie aktuell. Wie unzutreffend ihre Corona-Einschätzungen sein können, weiß der Schweizer Physiker Frank Scheffold. Er sagt: Virus-Experten irren sich bei ihren Prognosen immer wieder.

Erst gegen 23.30 Uhr trat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwochabend vor die Presse. Fast zehn Stunden lang hatte sie mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer über das weitere Vorgehen in der Corona-Krise beraten. Zwischenzeitlich mussten die Gespräche sogar unterbrochen werden. Kurz vor Mitternacht präsentierte Merkel dann den Plan, der Deutschland durch die nächsten Wochen tragen soll.

Darin ist die Rede von mehr Kontakten, Öffnungsschritten für den Einzelhandel, einer Verlängerung des Lockdowns bis zum 28. März. Auch Virologen, Mediziner und Naturwissenschaftler dürften zu dieser Entscheidung beigetragen haben.

Schweizer Physiker kritisiert Merkel-Berater

Denn klar ist: Schon seit Beginn der Pandemie unterstützen verschiedenste Forscher die Kanzlerin und Ministerpräsidenten regelmäßig bei deren Beratungen. Namen, die immer wieder fallen, sind: Drosten, Wieler, Brinkmann, Lauterbach, Nagel und Meyer-Herrmann.

Dass die Experten mit ihren Bewertungen jedoch nicht immer richtig liegen, bemerkt der Schweizer Physiker Frank Scheffold im Gespräch mit der "Welt". Scheffold sagt: "Die Erfahrung aus den vergangenen Monaten zeigt, dass Vorhersage und eingetretene Realität sehr oft eklatant auseinanderlagen."

Forscher über Leopoldina-Papier: "Deutsche befinden sich immer noch im Shutdown"

Für seine Behauptung nennt der Wissenschaftler diverse Beispiele. So habe die Einschätzung der "Nationalen Akademie der Wissenschaften", kurz Leopoldina, in Deutschland eine wichtige Rolle für den harten Lockdown gespielt, der seit Monaten herrscht.

In einer Stellungnahme  vom 8. Dezember 2020 forderten die Akademie-Mitglieder die Politik dazu auf, die "weiterhin zu hohe Anzahl von Neuinfektionen" zeitnah durch einen "harten Lockdown" einzudämmen.Surftipp: Alle Neuigkeiten zur Corona-Pandemie finden Sie im News-Ticker von FOCUS Online

Schließlich habe sich in Irland gezeigt, dass "schnell eingesetzte, strenge Maßnahmen über einen kurzen Zeitraum erheblich dazu beitragen, die Infektionszahlen deutlich zu senken und niedrig zu halten".

Beteiligt an dem Papier waren unter anderem die Virologen Christian Drosten und Melanie Brinkmann sowie RKI-Chef Lothar Wieler. dpa/Wolfgang Kumm/dpa Lothar Wieler, Präsident Robert Koch-Instituts, beantwortet auf der Bundespressekonferenz Fragen von Journalisten zur Corona-Lage.

Scheffold schimpft im Gespräch mit der "Welt" über das Schreiben: "Weder war das Vorbild Irland sehr gut gewählt, noch sind die Prognosen des Wellenbrecher-Lockdowns eingetroffen. Und die Deutschen befinden sich immer noch im Shutdown". Ein Blick auf die aktuellen Corona-Zahlen zeigt: Obwohl das öffentliche Leben in Deutschland seit Monaten eingebremst wird, registrieren die Gesundheitsämter weiterhin Tausende neue Corona-Infektionen pro Tag.

Laut Warn-App liegt der 7-Tage-Mittelwert bei 8179 Fällen, Tendenz steigend (Stand: 4. März).

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"Abweichende Stimmen sind offenbar nicht besonders gefragt"

Daran dürfte nicht zuletzt auch die britische Corona-Mutation schuld sein, die sich rasant verbreitet. Die britische Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) bewertet "B.1.1.7" als deutlich ansteckender im Vergleich zur ursprünglichen Corona-Version.

Auch die Sterblichkeit der Menschen, die mit der Mutation infiziert sind, sei deutlich höher als bisher angenommen, hieß es bei einer Sitzung der "New and Emerging Respiratory Virus Threads Advisory Group".

In Deutschland werden viele lokale Corona-Ausbrüche mit der neuen Mutation begründet. Scheffold sieht das jedoch kritisch. "Wie genau die Mutanten dort hineinspielen, lässt sich schwer sagen, weil die Pandemie ein Wechselspiel zwischen Infektionsgeschehen, Maßnahmen, menschlichem Verhalten und öffentlicher Erwartung ist", sagt er zu "Welt". Viele Experten und Journalisten hätten die Mutanten-Theorie seiner Meinung nach unkritisch übernommen.

Für Scheffold zeigt der Brite Jonathan Ball, dass es auch anders geht. Der Virologe, der an der University of Nottingham arbeitet, habe im Dezember als einer der wenigen darauf hingewiesen, dass die Beweislage zur Übertragbarkeit der britischen Corona-Variante "miserabel" sei.

Scheffold spielt auf einen Beitrag der "BBC" an. "Die Menge an öffentlich zugänglichen Beweisen ist absolut unzureichend, um sich eine feste Meinung zu bilden, ob sich mit dem Virus die Übertragung tatsächlich erhöht", hatte Ball dem Sender Ende vergangenen Jahres gesagt.

Für Scheffold steht fest: "Abweichende Stimmen wie die des Virologen Ball sind offenbar nicht besonders gefragt."

Scheffold: "Wer immer warnt, hat natürlich auch mal recht"

In Deutschland gelten vor allem das Robert-Koch-Institut (RKI) und Virologen wie Christian Drosten, Hendrick Streeck oder Michael Meyer-Herrmann als Institutionen der Corona-Beratung. Tatsächlich hielt sich aber auch Drosten zunächst zurück, was die Bewertung der britischen Virus-Mutation betraf – weil experimentelle Daten fehlten.

Inzwischen positioniert er sich jedoch klarer. Im aktuellen "NDR-Podcast" sagte der Virologe: "Wir wissen, dass die Verbreitungsfähigkeit dieser britischen Variante höher ist."

Eine Analyse, die das RKI diese Woche veröffentlichen will, soll zudem mehr Klarheit in die Mutationslage bringen. Physiker Scheffold räumt im "Welt"-Interview ein, dass "Modellierer" bei ihrer Corona-Einschätzung nicht immer falsch gelegen hätten. "Bezüglich der Warnung vor einer bevorstehenden zweiten Welle im Herbst […] hatten viele Modellierer recht. Aber wer immer warnt, hat natürlich auch mal recht", sagt Scheffold.

Für den Schweizer Forscher sollte die Politik zwar Einschätzungen von Experten einholen: "Aber man sollte auf keinen Fall die ganze Strategie und Debatte darauf aufbauen."

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