"Vielleicht muss mal jemand dem Gesundheitsminister ein Glas Wasser ins Gesicht schütten"

Sie haben ein Buch darüber geschrieben, warum Sie Ihren Beruf als Pflegefachkraft lieben und warum Sie trotzdem am Pflegenkräftemangel verzweifeln. Sie haben sich für die stern-Bundestagspetition "Pflege braucht Würde" ins Zeug gelegt. Was hat das alles gebracht?

Substanziell hat sich für meine Kollegen und Kolleginnen auf Station gar nichts geändert. Ich habe für ein bisschen Aufsehen gesorgt, die Gemüter erregt und vielleicht auch den allerletzten erreicht mit der Botschaft, dass wir ein massives Problem haben. Aber das, was wir erreichen wollten, nämlich eine Verbesserung auf Station, am Bett, am Patienten, auf der Ebene hat sich nichts getan. Das ist ein Gefühl von Machtlosigkeit. Ich kämpfe gegen Windmühlen, ich strampele mich ab, ich versuche mir immer was Neues einfallen zu lassen. Versuche Petitionen, unterstütze Organisationen, investiere viel Zeit, viel Energie und im Endeffekt verpufft es. Und das ist eine schallende Ohrfeige.

Gestern haben wieder Pflegekräfte in München demonstriert. Gehen auch Sie auf solche Demos? Glauben Sie, das ist der richtige Weg?

Ja! Ich glaube, der einzige Weg, der noch irgendetwas bringt, ist, wirklich auf die Straße zu gehen. Zumindest bringt das mehr, als Gespräche zu führen und weitere Petitionen zu starten, weil die Menschen einfach so wie ich desillusioniert sind. Demos machen das Ganze sichtbarer.

Jens Spahn hat sich gestern gegen Angriffe verteidigt, er habe "Versprechen gebrochen". Man befinde sich in einer Spirale, die lange in die falsche Richtung gelaufen sei, und  wenn ausgebildete Pflegekräfte nicht in den Beruf zurückkehrten, könnten die Stellen eben nicht besetzt werden. Was antworten Sie ihm?

Pflege-Petition


Pflege braucht Würde! Immer mehr Organisationen unterstützen die stern-Petition

Welchen Anreiz haben sie denn, zurückzukommen? Man kann doch niemanden zwingen, sich selber kaputt zu machen, sein Privatleben und seine mentale Gesundheit zu opfern. Es ist doch nur self care, eine Schutzmaßnahme, dass man irgendwann die Reißleine zieht. Es ist nicht unsere Aufgabe, diese Rahmenbedingungen zu verbessern und anders zu strukturieren. Es ist seine Aufgabe! Und da kann er sich nicht rauswinden.

Die Koalitionsregierung feiert sich jetzt für ein "Pflegereform"-Gesetz. Wie finden Sie es?

Das ist ein Reförmchen, ein Tropfen auf den heißen Stein. Und sie betrifft nicht die Krankenpflege, sondern nur die Altenpflege, aber die wird sie auch nicht weiterbringen. Wir warten auf eine echte Perspektive, und die bleibt aus. Sie kommt einfach nicht. Und ich frage mich, warum das so ist. Es ist ganz verrückt. Dass man die Wurzel allen Übels einfach auch nicht angeht und dass man auch mal diesen ganzen privaten Betrieben auf den Zahn fühlt. Wie kann es denn sein, dass wir es jetzt hinnehmen, dass große Krankenhauskonzerne Ärztestellen oder Servicekräfte streicht? Deren Aufgaben fallen ja wieder auf die Pflegekräfte zurück. Und vor allem empfinde ich die Reform auch als eine weitere Provokation und gesellschaftliche Spaltung, indem man einfach sagt Kinderlose haben mehr zu zahlen. Das ist einfach schwachsinnig.

Auf Instagram haben Sie gepostet: "Was zur Hölle sollen wir jetzt noch machen, wo die Chance auf Sichtbarkeit in 20 Monaten verspielt wurde? Welche Szenarien, Eskalationsstufen brauchen wir und wie weh muss es tun?" Haben Sie konstruktive Ideen?

Große Koalition


Pflegereform: Zu spät, zu wenig – und zahlen werden am Ende die Pflegebedürftigen

Der revolutionäre Gedanke ploppt auf. Und die Revolution muss von innen kommen. Das heißt: Dienst nach Vorschrift machen, nicht mehr einspringen, das System einfach nicht mehr aus Eigeninitiative und Mehrarbeit am Leben halten. Vielleicht muss in der Talkshow mal jemand aufstehen und dem Gesundheitsminister ein Glas Wasser ins Gesicht schütten. Weil dieses salbungsvolle Diskutieren hat keinen Benefit, es bringt nichts. Vielleicht sollte auch jeder deutschlandweit sein Arbeitszeugnis anfordern. Dass man mit Kündigung droht. Dass wir Zukunftsszenarien einfach plastischer darstellen. Es ist ja reine Mathematik, wie wir in 20 Jahren dastehen. Pflegebedürftige und Pflegepersonal. Die Diskrepanz wird ja von Jahr zu Jahr größer.

Gestern haben 17 Fachgesellschaften erneut sehr konkrete Forderungen an die Regierung gerichtet, um die Intensivpflege zu stärken. Immer mehr Ärztinnen und Ärzte springen den Pflegekräften bei. Auch die stern-Pflegepetition wurde darin nochmal gepusht. Glauben Sie nicht, dass steter Tropfen den Stein doch endlich höhlt?

Also sollte diese 350.000 Unterschriften starke Petition am Ende einfach abgeschmettert werden, dann weiß ich nicht, ob das noch was bringt. Ja, das ist ein Appell und es ist ein eindringlicher Appell. Und der ist ja auch gut so. Aber er tut niemandem weh. Es muss weh tun!

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